Freitag, 31. Juli 2020

(Un)Absehbar

Wir haben einen Rückflug. Am 23. August von München nach Tbilisi. Da nach wie vor die Einreise nur mit Direktflügen erlaubt ist, bleibt nur Lufthansa, denn Georgian Airlines rät selbst von der Buchung von Flügen ab: Sie wissen noch nicht sicher, ob und wann sie im August fliegen (bei Lufthansa wissen wir es offengestanden auch noch nicht, die nehmen den Flugbetrieb ja auch erst im August wieder auf, aber sie sind nicht so ehrlich/dumm/informiert, dass sie vor ihren eigenen Flügen warnen. Mich bringt die Reise über München mit der Bahn in ein ziemliches Dilemma, denn wir haben hier unsere Wintersachen, einen Kubikmeter Kuscheltiere, in die sich das Kind verliebt hat (meine alten, die aus dem Bettkasten bei Oma fielen) und für meine psychische Sicherheit auch schon Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für das Kind. Schließlich ist es sehr unwahrscheinlich, dass uns dieses Jahr jemand zum Geburtstag des Kindes besuchen kann, und über Weihnachten will ich lieber gar nicht nachdenken.
Überhaupt habe ich sehr gemischte Gefühle, was die Rückkehr angeht. Einerseits freue ich mich auf meine Wohnung, auf die Freunde und die Arbeit. Andererseits merke ich noch mal stärker, wie sehr ich mein Auslandsleben doch auf die Möglichkeit, der schnellen Rückkehr und der Besuche aus Deutschland aufgebaut habe. Meine eigentliche Bedingung für die Rückkehr nach Georgien, zuverlässige Flugverbindungen, kann mir niemand garantieren. Die georgischen Infektionszahlen sind nach wie vor mustergültig niedrig, aber wir wissen ja auch, dass sie durch massive Einschränkungen des öffentlichen Lebens und vor allem hermetisch abgeschlossene Grenzen entstanden sind. Nein, ich möchte das gar nicht kritisieren, ich denke, es war das beste, was ein kleines Land mit einem Gesundheitssystem, das zwar in der Breite ganz stabil, in Fällen, wo es um Beatmungsmaschinen geht, aber doch eher schlecht aufgestellt ist, tun konnte. Aber es heißt auch, dass ich damit rechnen muss, dass die Grenzen wieder geschlossen und Schulen und Kindergärten eben nicht wieder aufgemacht werden. Davor habe ich Angst. Weiterhin Homeoffice mit mühsam organiserter Kinderbetreuung, einem Kind, das unter dem Fehlen von Kontakten zunehmend leidet (und das dann nicht mal mehr den Trost hat, dass Oma ganz viel da ist), ein drohender Lockdown, die Angst, Weihnachten nicht bei der Familie sein zu können, meine Mutter in der Hochrisikogruppe nicht unterstützen zu können  - ich will das nicht. Es bleibt ein: Wir gehen jetzt erstmal, und sehen dann, ob es gut geht. Noch mal mit dem letzten Flugzeug raus. Was einmal geklappt hat, wird doch sicher noch mal klappen, oder? Wunderbare Aussichten.
Jetzt erstmal noch von hier aus den EU-Antrag für Ende August so weit wie möglich fertig machen - einfacher wird es in der letzten Woche in Tbilisi auch nicht. Vielleicht ist es das, was mich im Moment am meisten ärgert: Dass alle Unwägbarkeiten, die steigenden Infektionszahlen in Deutschland, das leichte Halskratzen und die Überlegungen, wann ich vielleicht wem mal zu nahe gekommen bin auf unserem kurzen Brandenburg-Bauernhof-Wochenende, gerade die Freude überschatten, dass wir tatsächlich einen EU-Antrag in der zweiten Runde haben. Für eine relativ kleine Organisation wie unsere ist das toll. Eigentlich sollten wir in einem georgischen Gartenlokal über gutem Essen darauf anstoßen und beschwingt an die Arbeit gehen.
In diesem Sinne: Immerhin.

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