Sarajevo

Nun endlich der Nachtrag zu unserer Balkantour Ende Juni. Wäre ja schade, wenn der im Berliner Sommer untergehen würde. (Ehrlich gesagt habe ich heute den Wetterbericht Sarajevo gesehen und gedacht, ich könnte gleich wieder hin - schöne Stadt und hey - nur 22 Grad!)


Ja, alle hatten schon gesagt, dass Sarajevo schön ist. Osmanisch, habsburgerisch, schön, besonders. Aber irgendwie waren die Bilder in meinem Kopf von zerschossenen Plattenbauten zu präsent, um wirklich an eine schöne Stadt zu glauben. Dann stand ich auf einmal in etwas, was auch eine türkische Kleinstadt im Schwarzmeergebiet hätte sein können - und das ist ein wirklich großes Kompliment von mir. Eine türkische Kleinstadt im Schwarzmeergebiet irgendwann zwischen Oktober und März, um genau zu sein, und das ist dann schon wieder weniger Kompliment, denn ja, das Wetter war saumäßig. Die in Regen und Kälte eingefangene Grippe verfolgt mich jetzt schon fast einen Monat. Aber das hat ja nichts mit Sarajevo zu tun.

Also zur Stadt: Die Habsburgerstadt umringt die osmanische Altstadt und die wird selbst wiederum von der sowjetischen Stadt umringt. Während die osmanische Altstadt für den Tourismus restauriert ist, als regiere in Istanbul noch der Sultan, kann man die Geschichte nicht ganz aus der Habsburgerstadt heraushalten. An der Kathedrale erinnert eine Ausstellung an das Massaker von Srebrenica, direkt neben unserem Quartier befand sich das (übrigens sehr empfehlenswerte) "War Childhood Museum" und je weiter man an die Ränder kommt, an denen die von mir immer mit Sarajevo verbundenen Plattenbauten beginnen, desto öfter sieht man noch offene oder hastig überstrichene Einschusslöcher an den Häusern. Das Vergangene ist nicht verschwunden. Ob es vergangen ist? Eher nicht. Das komplexe Geflecht aus lokalen Regierungen mit sehr weitreichenden Befugnissen machte meine Arbeit nicht einfacher und treibt offensichtlich alle in den Wahnsinn, mit denen ich gesprochen habe. Aber niemand hat eine andere Lösung um den fragilen Zustand nicht wieder zu gefährden. "Also DAS war jedenfalls keine" meinte eine Interviewpartnerin am Stadtrand von Sarajevo mit einer Geste auf das zerschossenen Haus gegenüber. Damit ist sie schon überraschend deutlich, denn ansonsten ist sehr viel "War da was?" in der Luft und offensichtliche Hoffung auf baldiges Vergessen, wenn die Stadt als Zentrum der Toleranz und des Zusammenlebens von Religionen und Völkern gepriesen wird. Und wo in der Realität das Zusammenleben selbstverständlich ist, muss eben die Hoffnung ein paar existierende Probleme überwinden. Meine Dolmetscherin ist Serbin und mit einem Bosnier verheiratet - kein Problem für beide Familien, wie sie betont. Dass es noch immer serbische und bosnische Schulen mit völlig unterschiedlichem Geschichtsunterricht gibt, belastet sie nach eigenen Angaben wenig. Ihr Sohn ist erst vier, da kann sich ja noch so viel ändern...

Auch die Touristen in den beiden nebeneinander existierenden Altstädten scheinen eher auf Vergessen ausgerichtet zu sein. In der osmanischen Altstadt trinkt man 'bosnischen Kaffee' (den man in der Türkei türkisch, in Griechenland griechisch, und in Armenien natürlich armenisch nennt) und ist Lokum, die Habsburger Stadt mit ihren Gründerzeitbauten gibt mir das Gefühl, tatsächlich schon fast wieder zuhause in Mitteleuropa zu sein - inklusive Kaffehäusern mit europäischem Kuchenangebot und einem mich komplett überfordernden Drogeriemarkts.

An einer Ecke gibt es dann doch etwas touristisch aufbereitete Geschichte: Am Fluss nahe am (orientalistischen) Rathaus ist die Ecke, an der das Attentat von Sarajevo stattfand. Für mich am interessantesten: Selbst in meinem Geschichtsunterricht - der durchaus von der Forderung nach 'Geschichte von unten' und von dem Anspruch, über die Menschen hinter den Daten zu erzählen, erschoss ein nationalistischer Attentäter in Sarajevo den österreichischen Thronfolger. In Sarajevo haben die beiden Namen: Gavrilo Princip erschoss Franz Ferdinand. Und in den Augen meiner serbischen Übersetzerin lag ein eindeutiges Funkeln, als sie von dem serbischen Nationalhelden Princip sprach, der ein solches Fanal gegen die Habsburger Monarchie gesetzt hatte.

Spannende Stadt. Das nächste Mal als Touristin. (Und die Fotos finde ich hoffentlich auch noch mal.)

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