Die Kirche

Graeber der Katholikoi an der Kathedrale von Ejmiatsin (Nein - das ist keine Loesung fuer
das aktuelle Problem. Schon weil der Bruder des jetzigen Katholikos gute Chancen auf die Nachfolge haette...)


Heute mal die Kirche. Die Armenisch-Apostolische. Welche auch sonst. Jene über 1700 Jahre alte Institution, die so untrennbar mit der armenischen Nation verbunden ist, dass man für die meisten Armenier nur armenisch-apostolisch sein kann. (Was nicht ganz stimmt, man kann durchaus Armenier und katholisch, evangelisch und - vor allem in der  US-Diaspora - auch methodistisch, Pfingstler oder Zeuge Jehovas sein.)
Nein, ich will jetzt gar nicht ins Kulturgeschichtliche gehen, aber ein paar Infos müssen sein, sonst versteht man die aktuelle Situation nicht. Zuerst einmal gibt es in der armenischen Kirche Priester, die im Zölibat leben, und solche, die eine Familie haben müssen, um für den Dienst in der Gemeinde als geeignet angesehen zu werden. Wer im Zölibat lebt, kann keine Gemeinde haben, dafür Karriere in der Kirche machen, wer eine Gemenide und eine Familie hat, wird nie Karriere machen. Damit ist schon mal eine massive Trennung von denen an der Basis und denen in der Leitung angelegt. Vor allem weil die Entscheidung in der Regel in den ersten Studienjahren, also sogar vor dem 20. Lebensjahr gefällt werden muss - schließlich muss man schon beim Abschluß eine Familie vorweisen können, wenn man in die Gemeindearbeit will.
Das Oberhaupt der Armenischen Kirche ist der Katholikos, der wie der Papst von einem Gremium aus hohen Kirchenvertretern gewählt wird (alle natürlich aus der Zölibatsschiene) - und dann hat man ihn lebenslänglich am Hals (wie den Papst vor Ratzinger).
Das ist genau dass Problem mit dem aktuellen Amtsinhaber, Karekin II.,1999 mit Mitte vierzig gewählt, war er offensichtlich nicht die beste Wahl - und wenn er es war, dann war die sonstige Auswahl katastrophal. In bald sieben Jahren habe ich genau einen Armenier getroffen, der ihn mag: Eine Kollegin von mir, die ihn persönlich kennt. Also charmant ist er wohl. Der Rest meiner Bekanntschaft einschliesslich der anderen Kolleginnen beschuldigt ihn so ziemlich jedes denkbaren Verbrechens: Von jeder Form von Bereicherung auf Kosten des Volkes,  über Verkauf von Kirchenämtern bzw. Besetzung mit nahen Verwandten bis hin zu Waffenhandel und Beteiligung an dem Putschversuch kurz nach seinem Amtsantritt, als im Oktober 1999 bewaffnete Männer im Parlament den Premierminister, den Parlamentssprecher sowie andere Minister und Abgeordnete erschossen. Wobei ihm nicht alle alles vorwerfen, da gibt es schon noch Mischungen, nur massive Korruption ist immer dabei. "Halt ein Mafiosi" erklären mir auch Wildfremde, wenn es auf Karekin II kommt, völlig gelassen. Ist halt so. So, wie bisher auch die Korruption in Regierungskreisen normal war. Nun wird da langsam, aber beständig aufgeräumt - ein Highlight war der Bürgermeister, der Essensrationen für Soldaten an die Raubtiere seines Privatzoos verfüttert hat -  und die Frage stellt sich: Was ist mit dem Katholikos und der ganzen Kirche? Werden die Bücher jetzt auch geprüft?
Schon vor ein paar Wochen gingen die ersten Proteste, die genau das forderten, los, versandeten dann wieder, überlagert von den vielen anderen größeren und kleineren Korruptionsskandalen, die nun nach und nach ans Licht kommen.
Seit ein paar Tagen nun steht eine kleine Gruppe (und mit kelin meine ich sechs bis 20 Personen) unter massiver Polizeibeobachtung vor dem Palast des Katholikos  und beschimpft ihn. Es handelt sich allerdings nicht um die üblichen Protester, die eher jung sind, in keiner westeuropäischen Stadt auffallen würden und politische Plakate dabei haben, sondern um ältere Menschen in betont traditioneller Kleidung, die religiöse Lieder singen. Wenn sie nicht singen, beschimpfen sie MitarbeiterInnen der Kirche - Geistliche wie Laien - und eine Kollegin von mir wurde so angegriffen, dass wir jetzt unter Polizeischutz arbeiten. Das Problem dieser gruppe sind nicht (oder zumindest nur sehr am Rande) die verschwundenen Millionen aus Spendengeldern bzw. der Weg auf dem das sonstige Vermoegen des Katholikos erworben wurden, sondern die Behauptung der Katholikos habe eine Tochter. Bruch der Zölibats. Schock. Und da hört es interessanterweise bei den schlimmsten Kritikern in meinem Umfeld auf: Korruption, Waffenhandel, graue Eminenz hinter blutigen Putschversuchen? Ok, darf man alles gegen den Herrn sagen. Bruch des Zölibats? Um Himmelswillen. Das ist unmoralisch. Das kann man nun wirklich nicht aussprechen.
Nein, ich verstehe das auch nicht. Aber ich bin auch nicht armenisch-apostolisch.
Die etwas schraege Situation, bei der eine Handvoll extrem agressiver Menschen eine grosse Institution und ca. fuenfmal soviel Polizei in Atem haelt, fuehrt zu einer Menge Verschwoerungstheorien. Ob Pashinyan selbst dahintersteht, der die Kirchge bis zu den Wahlen baschaeftigen und aus der Poltik raushalten will, oder die EU, die die Kirche schwaechen will, um mehr Rechte fuer LGBTI in Armenien zu erzwingen, oder Russland, das im Gegenteil die Kirche zu mehr Protest gegen die moralische Verkommenheit Armeniens zwingen will - manchmal denke ich, irrer geht es nicht mehr (geht dann doch immer).
Wie geht es weiter? Denn unabhaengig von ein paar Irren ist ja auch die Frage, ob die Kirche nun in die Korruptionsaufklaerung einbezogen wird, oder nicht. Zwei Szenarien stehen nun im Raum:
Nr. 1: Der Druck, nicht von der kleinen Gruppe hier vor der Kathedrale, aber der hinter den politischen Kulissen, wird so gross, dass tatsaechlich die Buecher der Kirche geprueft werden. Die Folgen fuer Poltik, Kirche und internationale (Diaspora-)Organisationen, die seit Jahrzehnten Geld in die Kirche geben,sind nicht abzusehen und deshalb wird das vermutlich auch nicht passieren.
Nr. 2: Es geht so weiter. Geld verschwindet, Posten gehen an die Familie des Katholikos (fuer eine Familie, in der die meisten Maenner im Zoelibat leben, ist die verdammt gross!) und alle hoffen auf ein baldiges Ableben des 66jaehrigen.
So sehr ich natuerlich auf Nummer 1 hoffe, so unwahrscheinlich erscheint sie mir.
Es ist ja auch irgendwie schön, wenn man sich in unruhigen Umbruchszeiten wenigstens auf die Stabilität der Kirche verlassen kann.
Grabstein des frueheren Katholikos Vasgen II. Er hat die Kirche fast vierzig Jahre durch die Tauwetterperiode,
viele religionsfeindliche Rueckschlaege, den Karabachkonflikt und schliesslich ins unabhaengige Armenien gefuehrt.
Zugegeben, da hat man es als Nachfolger sicher nicht leicht (Nicht, dass Karekin II das je versucht haette, wie
mir mal versichert wurde, als ich das sagte.)

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