Verrückte Reisen

Neulich stieß ich zufällig auf eine Blogparade von Nico und Ina von "Kind im Rucksack", in der es um verrückte Reiseerlebnisse ging. Aus aktuellem Anlass fühlte ich mich angesprochen. 
Obwohl: Eigentlich habe ich keine verrückten Reiseerlebnisse. Zumindest fühlt es sich für mich eher selten so an. Ich weiß meistens, worauf ich mich einlasse und empfinde mich eher als übervorsichtig bei der Planung. Pass und Nummer der Botschaft dabei. Ganz altmodisch Reiseführer in Buchform, am besten noch Karte, man weiß ja nie ob es genug Internet für google maps gibt. Am besten Handykarten aller bereisten Länder zum Wechseln dabei (funktioniert nicht? Ups. War vielleicht die armenische in Aserbaidschan. Oder die russische in Georgien. Mal sehen, ob ein Geheimdienst was merkt.) Natürlich bestelle ich dann in Deutschland als erstes eine neue Karte von meinem Anbieter, weil ich die alte nun wirklich nicht mehr wiederfinde, aber das ist ja dann nicht mehr Reise. Zusätzlich zur Bank- habe ich immer noch eine extra Kreditkarte und Bargeld dabei, am besten in mehreren Währungen (ok, bis auf das eine Mal, als ich von Georgien kommend in Ganja in Aserbaidschan an einem Samstagabend ein Hotel beziehen wollte, und keines der Hotels mit "Visa"-Zeichen an der Tür Visakarten nahm. Und alle auf Barzahlung im Vorraus bestanden. Und keine Bank mehr auf, ich nicht genug Bargeld dabei hatte und schließlich doch mitten in der Nacht die sechs Stunden nach Baku fuhr, um da bei Freunden auf dem Sofa zu schlafen. Und das eine Mal, als... oder damals in ... ok, lassen wir das.) 
Wenn ich irgendwo lande, dann wollte ich da auch hin und weiß, was ich da wollte. Also meistens. Damals im Süden Kirgistans wusste ich meistens nicht mal, in welchem Land ich gerade war, weil das kirgisische Ferganatal mit tadschikischen und usbekischen Enklaven gespickt ist. Am Schluss hatte ich ungefähr 30 Dollar für Bestechungsgelder für (angebliche) Polizisten und Grenzwächter ausgegeben, was eine Summe von knapp zwei Dollar pro Person entsprach - das Lohnniveau in der Region war zumindest 2005 echt saumäßig. Genaugenommen wusste ich bei dieser Tour auch nicht ganz genau, was ich da eigentlich machte, aber die NGO, die mich für die Evaluation einiger ihrer Projekte dorthin geschickt hatte, wusste es zum Glück auch nicht so genau und am Ende waren alle zufrieden. Im Nachhinein schien mir alles auch ganz normal und total gut organisiert - die einzig Unorganisierten waren die drei jungen Männer, die mich auf dem bewachten Busbahnhof in Osh ausgerechnet neben der Polizeistation überfielen. Die Situation ist zwar nach wie vor als "gefährlichste Situation aller Reisen" in meinem Gedächtnis, aber sie war auch so schnell vorbei und gelöst, dass mich am meisten die Frage,  beschäftigt, was um himmelswillen die Typen zu dieser Aktion bewegt hat. Vielleicht war es mit über 40 Grad einfach nicht nur mir zu heiß.
Dass ich als Islamwissenschaftlerin wohl nie lernen werde, darauf zu achten, dass ich nicht mitten im schlimmsten Opferfest-Reiseverkehr auf dem Istanbuler Flughafen lande, oder für den Ramadan zwölfstündige Fahrten über 3000-Meter-Gebirgspässe mit fastenden Fahrern plane, ist peinlich, wird aber vermutlich immer wieder vorkommen. Ist ja letztendlich auch nicht so schlimm, sondern kann notfalls noch unter "Feldforschung" gefasst werden. Das mit der Passfahrt vom Norden Tadschikistans nach Duschanbe lag nicht mal am kalendarischen Versagen. Ich wusste es sogar, aber nachdem in Kirgistan sich keiner um den Ramadan geschert hatte, hatte ich "Die Tadschiken sind echte Muslime! Sei vorsichtig!!" für dumme Propaganda gehalten. In dem Fall wusste aber offensichtlich wenigstens der Fahrer, was er tat. Er brachte dann sogar meine Kamera, die ich in seinem Wagen vergessen hatte, noch mitten in der Nacht ins Hotel nach. Nach dem Essen, was ihm wirklich gegönnt sei. Dafür durfte ich die Bilder seines Grillhammels und seiner Kinder auf meiner Kamera behalten und die Fahrt ging als besonders schöne Erinnerung in mein inneres Reisealbum ein.

Mit Kind bin ich da noch vorsichtiger geworden. Auch wenn ich vor der ersten Nachtfahrt durch den Kaukasus mit dem damals sechs Monate altem Reisebaby ziemliche Angst hatte,fiel das doch unter "Ich weiß, was ich tue." Also, eigentlich.

Für mich ist immer die nächste Reise die verrückteste, auch wenn ich sehr gut weiß, dass ich im Nachhinein sagen werde: Ach, war doch völlig ok. Aber im Vorfeld? Furchtbar. Total irre. Wie konnte ich bloß auf die Idee kommen? Gerade hat mich das Gefühl wieder komplett im Griff. Diesmal geht es um einen spontane Ausflug auf den Balkan. Bosnien, Kosovo, Albanien. In einer Woche. 
Eigentlich begann alles damit, dass eine Freundin erzählte, sie habe einen Auftrag für eine Evaluationsreise auf den Balkan und würde das mit ihren Zwillingen, die etwas jünger sind als das Reisekind, und einer Kollegin machen. Ich erklärte sie für völlig verrückt. Das würde ich ja nicht mal mit einem Kind machen. "Echt?" meinte sie "Schade. Ich wollte gerade fragen, ob du mitkommst, dann könnten wir Kinder und Arbeit noch besser aufteilen." Och, naja, jetzt wo sie es sagt... gar nicht so blöd die Idee. Ich kann viel lernen, mein Chef findet die neuen Kontaktmöglichkeiten zu wichtigen Gebern wunderbar, meine Kollegin träumt von neuen Informationen, die Auftraggeber meiner Freundin finden die Möglichkeit einer zusätzlichen Gutachterin, die sie nur die Reisekosten kostet, ausgesprochen gut, vor allem als sich rausstellt, dass ich aus Visagründen möglicherweise die einzige im Team bin, die nach Bosnien reinkommt. 
Also geht es nächste Woche los - vermutlich. Oder übernächste. Wegen Ramadanende ist die Kommunikation mit den muslimischen Ländern des Balkan gerade eher suboptimal. Aber das ist der Plan: Drei Frauen, drei Kinder (unter zwei), drei Balkanländer. In noch unklarer Kombination wer wann in welchen Ländern die Interviews macht. Zur Sicherheit stößt meine Mutter zu uns, falls ich tatsächlich alleine mit Reisekind in Sarajewo stehe.
Wird schon. Also so normal wie immer halt.

Kommentare

  1. Danke fürs mitmachen bei der Blogparade! Das klingt ja aufregend und spannend, da wünsche ich euch eine gute Reise!

    LG aus Norwegen
    Ina

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