Gestern. Oder: Das Sterben der Erinnerung

Ich bin einen Tag zu spät, aber das Datum des 22. Juni soll trotzdem Erwähnung finden. "Gestern." passt auch als Titel gut, denn es geht um etwas, was für viele offensichtlich zu vergangen (oder nicht vergangen genug) ist. Na, wer weiß es?
Gestern vor 77 Jahren überfiel Deutschland die Sowjetunion.
Ich habe selbst erlebt, wie in den letzten fast zwei Jahrzehnten (ja, so lange bin ich hier fast schon unterwegs!) die Erinnerung an diesen Tag langsam mit der Generation starb, für die er noch ein selbsterlebtes, einschneidendes Erlebnis war. 1999 wohnten wir in Jerewan bei der Großmutter eines Kollegen meiner Freundin, die Weltkriegsveteranin war. Im Gegensatz zu anderen Frauen hatte sie nicht an der Waffe gekämpft, aber war als Schauspielerin und Sängerin, später auch als Lazarettschwester mit den Truppen bis Berlin gekommen. Sie stellte uns einen Freund aus dieser Zeit vor, der jener armenische Held war, der 1945 die Fahne der armenischen SSR auf dem Alexanderplatz gehisst hatte. (Und bis heute hört man in Georgien, dass der Soldat, der auf dem berühmten Foto die Rote Fahne auf dem Reichstag hisst, Georgier gewesen sein soll.) Für diese Generation war Sonntag, der 22. Juni 1941 tief ins Gedächtnis eingebrannt: Ein Sommertag in oder schon am Ende der Heu- oder Getreideernte, ein Tag, an dem geheiratet wurde oder an dem man bereits den Rausch der Erntefeste oder Hochzeiten ausschlief. Ein Tag, der mit der schlimmstmöglichen Nachricht unterbrochen wurde und an dessen Abend schon die ersten jungen Männer, Pferde, alles Motorisierte aus den Städten und Dörfern an die Front transportiert wurde, um nie wieder zurückzukommen. Der Tag, an dem nicht nur für Soldaten und die Zivilbevölkerung der schnell besetzten Gebiete im Westen der Sowjetunion eine Zeit des Leidens begann, sondern auch in den Gebieten Zentralasiens und des Südkaukasus, in die Deutsche nur als Kriegsgefangene kamen: Stalin nahm keine Rücksicht, trieb die zurückbleibenden Frauen, Alten und noch nicht eingezogenen jungen Menschen zu Höchstleistungen in der Produktion, während die Essensrationen immer geringer wurden. Der Sieg, der später zum Sieg der wahren Stärke der Einheit der Sowjetunion verklärt wurde, war bitter erkauft.
Immer wieder musste ich erklären, dass dieser Tag in Deutschland kein besonderer Tag ist, dass wir uns aber trotzdem an den Zweiten Weltkrieg erinnern, dass auch bei uns ein klares "Nie wieder Krieg" mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden sei, aber eben nicht spezifisch der Sowjetunion gedacht werde (zumindest nicht im Westdeutschland, in dem ich aufwuchs und im vereinten Deutschland.) Wie eine georgische Kollegin es mal gar nicht sarkastisch, sondern fast verständnisvoll ausdrückte: "Du meinst, ihr könnt ja nicht an jeden eurer Überfälle erinnern?" Schluck. Natürlich. Da kommt schon echt was zusammen, selbst wenn man den Ersten Weltkrieg mal weglässt und allein ein paar Eckdaten des Zweiten nimmt: 1. September 1939 Polen, 10. Mai 1940 Benelux-Staaten und Frankreich, ab August 1940 Luftangriffe auf England, 6. April 1941 Jugoslawien und Griechenland, und dann eben 22. Juni 1941 die Sowjetunion. Oder um es in heutigem Deutsch zu sagen: Bisschen viel Vogelschisse.
Und das ist genau der Grund, warum ich heute mal wieder in historischen Predigerton verfalle: Ich bin froh, dass mich gestern niemand auf diesen Tag angesprochen hat - denn was hätte ich sagen sollen? Dass man in Deutschland heute meint, man solle millionenfaches Leid auch einfach mal gut sein lassen? Dass ja auch Deutschland gelitten habe und überhaupt sei ja auch Stalin ein Diktator gewesen? (Keine Sorge, dass hat hier nun auch keiner vergessen!)
Es ist nachgewiesen und es sagt auch der gesunde Menschenverstand, dass mit der letzten Generation, die aus dem eigenen Leben erzählen kann, der echte Bezug der Nachkommen zum Thema stirbt und nur noch abstrakte Geschichte ist. Das beweist sich gerade. Auch hier. Ich weiß nicht, wie viele der jungen Menschen, die gestern den Beginn eines interkulturellen Festivals gefeiert haben, an den Kriegsausbruch gedacht haben. Was hätte die Babushka vor fast zwanzig Jahren dazu gesagt? Vielleicht hätte ihr das Symbol gefallen. Wahrscheinlich aber hätte sie gesagt: "Am 22. Juni beginnt man nichts." Es könnte unterbrochen werden. Von einem Weltkrieg zum Beispiel.
Das Sterben dieser Generation und ihrer Erinnerungen können wir nicht aufhalten. Aber - verdammt, das muss doch nicht bedeuten, dass es wieder losgehen muss.

Kommentare