Balkan-Brainstorming

Ich habe mir mal vorgenommen, vor Reisen in neuen Laender zu notieren, was ich eigentlich von ihnen weiss und was ich erwarte, um das spaeter mit den Eindruecken abzugleichen. Nun sind neue Laender bei mir gar nicht mjehr so ueblich, aber naechste Woche sind es nun  gleich zwei: Bosnien-Herzegowina und Albanien. Und Montenegro, denn da fuehrt die Strasse von Tirana nach Sarajevo durch. In Sachen Grenzen scheine ich nach Jahrem im Kaukasus und Zentralasien auf dem Balkan noch mal eine ganz neue Dimension zu erleben.

Hier also ein kurzes Brainstorming von Wissen, Halb-Wissen und Erwartungen ueber drei Laender, doer verkuerzt: "den Balkan". Über die Region, die für viele (mich eingeschlossen) immer noch "das ehemalige Jugoslawien" ist, um genau zu sein. Obwohl - das ist auch schon ungenau, denn eigentlich geht es bei mir in der nächsten Woche ja um Bosnien-Herzegowina und Albanien, das  nicht zum ehemaligen Jugoslawien gehört.
Peinlicherweise muss ich zugeben, dass ich praktisch nichts weiß (ich habe in der letzten Zeit viele Travelblogs gelesen, und den Eindruck gewonnen, dass nichts ueber die bereiste Gegend wissen für viele Travelblogger nicht peinlich ist, aber deshalb bin ich ja auch kein Travelblogger!). 

Was also weiß ich? 

Gehörte mal zum Osmanischen Reich, was sich in einer Mischung aus Muslimen und Christen, Moscheen und Kirchen ausgepraegt hat. Dann zur Habsburger Monarchie - erkennbar daran, dass sich 1914 der österreichische Thronfolger in Sarajevo erschießen ließ. Die Folgen sind bekannt. Heute noch gehen die meisten Flüge über Wien oder Istanbul. Da Istanbul von hier ausfaellt, also Wien. Warum einfach, wenn es umstaendlich geht.
Dann gehoerte zumindest Jugoslawien irgendwie auch zum Ostblock, aber nicht richtig, jedenfalls trafen sich unsere kommunistischehn Nachbarn dort jedes Jahr mit ihren Freunden aus der DDR. Albanien hatte dafuer einen echten stalinistischen Diktator, der das Land mit Bunkern ueberzog und ueberhaupt total abschottete. Fuer Ethnologen gab (oder gibt?) es ausserdem so spannende Dinge wie die Blutrache und Frauen, die die Maennerrolle uebernahmen und dafuer auch in ihrer Gemeinschaft respektiert wurden. Witzigerweise kannte ich diese beiden ethnologischen Dissertationsthemen schon als Kind: Schliesslich kam die Rote Zora aus Albanien, erzaehlte von Blutrache und war eindeutig mutiger, staerker und kaempferischer als alle Jungen und damit entsprechend respektiert. Albanierinnen haben damit bei mir schon mal Vorschusslorbeeren. 

Der Balkankrieg in den 1990er Jahren war vielleicht das erste politische Ereignis, bei dem klar wurde, dass auch alle Erwachsenen um mich herum nichts verstanden. Von damals blieben Erinnerungen an Bilder des zerbombten Sarajevo, die Fassungslosigkeit ueber eine jahrelange Belagerung, ueber Massenerschiessungen, Vergewaltigung als Kriegswaffe. Heute wuerde ich sagen: Es war der erste Krieg, der wieder sehr sehr nah kam, und der erste so nahe, den eben nicht mit Geld oder grosspolitischer Blockbildung erklaeren konnte, sondern mit dem in meinem Umfeld totgesagte Nationalismus. Nun, dessen Wiederauferstehung haben wir nun alle erlebt. Vielleicht haetten wir vor 25 Jahren doch besser auf den Balkan schauen sollen? 

Auf jeden Fall lohnt es sich jetzt mal hinzusehen, wie die Region mit den Folgen des Krieges (der Kriege?) umgeht und versucht, aus zerrissenen Gemeniden wenn schon nicht zu vereinen, so doch eine friedliche Koexistenz zu gewaehrleisten. Fuer diese friedliche Koexistenz hat Bosnien ein irrwitziges System der Repraesentation aller Volksgruppen, das auch 14 Bildungsministerien beinhaltet, um allen Religionen, Regionen und ethnischen Gruppen gerecht zu werden. Fand ich solange komisch, bis ich zugeben musste, dass Bildung in Deutschland auch ohne ein komplexes Vielvölkergemisch Ländersache ist , und wir genaugenommen sogar 16 Bildungsministerien haben. 

Ich bin gespannt, was ich von diesem Gemisch aus verschiedenen Kulturen, Religionen, von Kriegsschaeden und ernsthaften Bemühungen um Ausgewogenheit finden werde. Ach, ja, um die Inklusion aller Kinder in Grundschulen soll es auch noch gehen. Mir schwirrt jetzt schon der Kopf.

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