WmDedgT im Mai

Am 5. jeden Monats fragt Frau Brüllen, was wir eigentlich den ganzen Tag machen. Heute die Antwort erst am 6. War ein langer 5. Und wieder nicht wirklich Alltag (zum Glück).

Das Reisekind und ich stehen nach etwas Kuscheln um acht in unserem Quartier in Tbilisi auf. Eigentlich wollte ich packen, da es heute abend nach Yerevan zurückgeht. Aber die gestern schnell gewaschene Wäsche ist noch nicht trocken und wir haben auch beide Hunger, deshalb gehen wir erstmal frühstücken. Nach vier wunderbaren Sonnentag mit trockener Luft ist heute Tbilisier Schwüle angesagt. Gar nicht mein Wetter. Deshalb wird auch der Besuch auf einem eigentlich sehr schönen Spielplatz nach vierzig Minuten schon beendet (für kaukasische Kinder sowieso oft das Maximum an Spielzeit, bei uns eigentlich ungewöhnlich.) Aber Schwindel und beginnende Migräne rufen nach einer Tablette und eventuell einer Cola (muss schlimm sein, wenn ich zur Cola greife!).
10.30 Wir sind wieder zuhause und das Kind spielt so begeistert mit dem Reißverschluss des Koffers, dass ich sogar etwas arbeiten und entspannen kann. Wie schon in anderem Kontext hier zitiert, ist, was zu schön ist um wahr zu sein, eben oft nicht wahr und deshalb endet das ganze mit einem epischen Tobsuchtsanfall, dessen Grund mir vollkommen unklar ist. Immerhin scheint die Schmerztablette zu wirken, die Kopfschmerzen werden wenigstens nicht schlimmer.
11.20 Wir gehen in den Hof. Wir haben hier so einen richtigen alten sowjetischen Hof mit Bäumen, Sitzecke für Ältere, Spielplatz, und auch wenn er viel als Parkplatz genutzt wird, ist noch Platz zum Fußballspielen. Das Reisekind entdeckt einen ungefähr Zehnjährigen mit einem Fußball und ist völlig fasziniert, vor allem, als dieser dann auch noch mit ihr rumkickt. Ich fange wieder an, davon zu träumen, auch in Yerevan in so einem Hof zu wohnen. Kühl, dunkel und mit Nachbarn, die sich kennen. Wenn Wohungssuche und Umzug nicht einfach immer nervig wären. Schließlich kommen die Freunde des 10jährigen und wir rutschen und schaukeln noch ein bisschen, bevor das Kind wieder motzig wird. Schlafen will es aber auch nicht, also packe ich es in die Trage und hoffe es schläft. Schließlich sind wir um fünf noch zu einem Abschlussbesuch im Park mit Freunden verabredet.
12.30 Wir sind am Freiheitsplatz und machen einen kurzen Abstecher ins dortige türkische Kettenrestaurant Mado. Teuer, ich weiß, aber die türkischen Puddings, der Tee und die Kinderstühle sind verlockend, denn natürlich schläft das Kind doch nicht.
Im Anschluss vertrödeln wir die Zeit in der Altstadt mit Zugucken an der Baustelle im Hof der armenischen Kirche, mit Wasserspielen am Brunnen, einem weiteren Kaffee für mich und Erdbeeren für das Kind (ich nasche auch ein paar) und dem Kaufen eines ganzen Berges von Streichholzschachteln mit Stalinaufdruck für das Projekt eines Freundes. Erst auf der Rückfahrt gegen halb vier schläft das Kind schließlich in der Trage ein.
Der Weg von der U-Bahn wird zum Spießrutenlauf. Alle paar Meter muss mich jemand anbrüllen, dass der Kopf meines Kindes runter hänge und ich es sofort anders tragen solle. Alle paar Meter wird ein immer übler gelauntes Kind aufgeweckt. Ich bin verschwitzt, kopfschmerzig und will nur noch Ruhe. Inzwischen ist es mir auch egal, dass es eigentlich für das Kind zu spät zum schlafen ist und ich jede Minute heute Nacht im Zug bereuen werde. Ich will nur auch etwas schlafen. Klappt natürlich nicht und ab kurz nach vier sitze ich mit einem sehr übel gelaunten Kind, das weder schlafen will noch wach sein kann, da. Natürlich sagen auch die Freunde ab.
Der Rest des Nachmittags ist eine Ansammlung all der Horrorstories, die Eltern von Kleinkindern so erzählen können: Rausgehen ist blöd, drinbleiben ist blöd. Musikhören ist blöd, Musik ausmachen ist blöd. Vorlesen ist blöd, Buch einpacken ist blöd. Aus der Flasche trinken geht gar nicht, der Versuch mit Becher endet damit, dass ein Teil der frisch getrockneten Wäsche nun doch tropfnass in den Koffer wandert. Banane wird verlangt und nach zwei Bissen überall verschmiert. Dreimal.
18.30 Ich bin so entnervt, dass ich viel zu früh zum Bahnhof aufbreche und dafür die zwanzig Minuten laufe. Mit Gepäck. Durch den Basar. Super blöde Idee. Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, ein vertretener Fuss. Aber: Das Reisekind sitzt friedlich guckend in der Trage, wir bekommen noch Gurken und Zitronen geschenkt, die man nicht mehr einpacken will und das Essen in dem furchtbaren Bahnhofsrestaurant verläuft auch fast friedlich. Ich ärgere mich nur, dass ich nie daran gedacht habe, Fotos von mir in der immer selben Ecke zu machen, jedes Mal im Mai: Schwanger, mit Reisebaby im Tuch mit knapp sieben Monaten und jetzt. Natürlich mache ich jetzt auch keins. Man soll ja nicht mit Traditionen brechen. Übrigens war es vor ein bisschen mehr weniger als einem Jahr, dass ich mit dem (damals noch Reisebaby) für das Vorstellungsgespräch nach Yerevan gefahren bin. Wow. Dass die Jahre schnell vergehen, kann ich gerade nicht bestätigen. Das letzte kam mir echt lang vor. Fast so lang wie dieser Tag.
Zum Glück kann man hier schon früh in die Züge und so liegen wir kurz vor acht auf unserer Liege und das Reisekind schläft, nachdem es fast unsere ganzen Wasservorräte geext hat, tief und fest ein.

Der Tag endet, wie WmdedgT im März begonnen hat: Mit der Ankündigung, wir würden uns der georgisch-armenischen Grenze nähern. Diesmal schon kurz vor Mitternacht, von Tbilisi aus ist dei Grenze näher. Im Nebenabteil werden laut Nachrichten gehört. Ich verstehe immer nur Pashinyan. Welcome back to the Revolution.

(Hmpf - vier perfekte Tage in Tbilisi  und welchen protokolliere ich? Den anstrengenden. Ehrlich: Es war schön.)

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