Über Armut II



Ich gebe zu, deutsche Politik ist sehr weit weg für mich. Jens Spahn habe ich noch mitbekommen, das war auch ganz nützlich, wenn ich armenischen Kollegen mal erklären will, was auch in Deutschland so schief läuft. Und Lindner beim Bäcker hat mich auch sehr gefreut. Vor allem weil ich gerade selbst nach langem Suchen meine hiesige Aufenthaltsgenehmigung gefunden habe (sie war da, wo sie hingehörte - wie soll man denn auf so was kommen?!). Wenn es hier noch Bäcker gäbe, wäre alles perfekt.

Im Ernst: Eine der Dinge, die zu mir durchgedrungen sind, ist die Demo gegen Kinderarmut in Deutschland - auch so etwas, was meine lokalen Kollegen einfach nicht für möglich halten. Armut in Deutschland? Unmöglich. Was wissen wir Deutschen schon von Armut? Ich versuche zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn man als Selbständige die Krankenkasse nicht mehr bezahlen kann und weiß, dass das irre Schulden anlaufen, aber Wohnung und Essen halt erstmal wichtiger sind. Wie man sich in die Armut gedrängt fühlt, weil es eben mit Teilzeitjob oder Selbständigkeit nicht möglich ist, über die Runden zu kommen. Hilft nichts, wir haben ein Sozialsystem, da darf man sich nicht beschweren. Bei allem Verständnis dafür, wie golden Deutschland von hier aus aussieht - manchmal wünschte ich mir auch etwas Verständnis dafür, dass es eben auch dort nicht alles golden ist.

Am meisten wünschte ich mir dieses Verständnis von Deutschen. Und so ärgerten mich einige What-Aboutisten, die ich in diversen Foren traf, am meisten. Die – wie sie schreiben – „echte“ Armut gesehen haben. In Afrika. Da wo Kinder verhungern. Die deshalb finden, man solle die Klappe halten zu Kinderarmut in Deutschland (ob sie dafür eine Erhöhung der Entwicklungshilfe fordern, kann ich aus ihren Profilen nicht entnehmen und auf Rückfragen sind sie nicht eingegangen). Das wurmt mich, denn ich frage mich: Sind das Kollegen? Gibt es wirklich Menschen, die nach einem Tag in den Grausamkeiten von äthiopischen, kenianischen, thailändischen, jordanischen Flüchtlingslagern nach hause in ihre (relativ und absolut) reichen Häuser zurückkommen und ein bisschen im deutschen Internet rumstänkern? Sind es die „echten“ Entsandten, jene GIZ-, UN-, Auswärtiges Amt-Leute, die mir auf Botschaftstreffen gerne das Gefuehl geben, kein Gespräch wert zu sein, weil sie für mein Gehalt ohne Dienstwagen, nicht einmal aufstehen würden? Sitzen die abends auf ihren Dachterrassen und belehren alleinerziehende Muetter wie asozial sie sind, weil sie es nicht schaffen, von 296 Euro, ihre Kinder vernünftig zu ernähren, die Winterkleidung komplett zu erneuern, Weihnachtsgeschenke zu kaufen und noch zehn-zwanzig Euro pro Kind für sonstige Teilhabe übrig zu behalten? Oder sind es Praktikanten, die zwischen Schule und Studium ein bisschen in Slums gearbeiten haben, nun was 
Tolles studieren und die natürlich niemals in die Situation kommen würden, dass sie alleine ein bis drei Kinder aufziehen müssen und der Teilzeitjob sie zu Aufstockern macht? Eigentlich egal, aber mich hat es wahnsinnig wütend gemacht. 

Ich bin weit davon entfernt, jeden in der Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit zu mögen, aber trotzdem kann (oder will) ich mir niemanden vorstellen, der jeden Tag mit den Folgen von Armut, mit der Hoffnungslosigkeit, den verschlechterten Chancen, der Angst vor den nächsten Tagen, Wochen, Monaten konfrontiert ist, der weiß, wie Armut zu Bitterkeit und Hass führen kann und dem es egal ist, dass Menschen in Deutschland dasselbe durchmachen. Denn Armut ist eben auch relativ und für manche in Deutschland mag die Verzweiflung, ihren Kindern kein Geburtstagsgeschenk für die Geburtstagsparty des besten Freundes kaufen zu könenn, so tief sein, wie die der Frau in Sissian im Süden Armeniens, deren Fall vor der Revolution Schlagzeilen machte: Die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern war zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil sie 4000 Dram gestohlen hatte. Für die Summe hätte sie in Jerewan ein Kilo Fleisch, ein Kilo Kartoffeln, zwei kleine Brote und eine Flasche Öl bekommen. Der Unterschied liegt in der Tatsache, dass in Deutschland wenigstens für das simple Überleben gesorgt ist und dass selbst im Falle einer gestohlenen Legopackung um zum Kindergeburtstag zu gehen, wohl eher von ein paar Sozialstunden die Rede wäre. Aber das soll für eines der reichsten Länder der Welt reichen? Na, danke. Warum sollten Menschen dankbar sein, dass es anderen schlechter geht anstatt wuetend, dass es anderen offensichtlich ohne Grund besser geht als ihnen? (Weil BER-Manager so viel kompetenter sind als Krankenbschwester und fuer die Allgemeinheit so viel wichtiger? Total nachvollziehbar.)

"Es reicht für alle" war das Motto der Demo und ich wage mal zu behaupten, dass die Organisatorinnen dabei nur an Deutschland gedacht haben, wo es  nun wirklich für alle reicht. Aber eine bittere Wahrheit ist nicht von der Hand zu weisen: Wenn es wirklich für alle reichen soll - und nicht nur für die global gesehen schon priveligierten Deutschen, sondern auch für die Alleinerziehende in Sissian und die Familien in den Flüchtlingslagern um die Welt - dann heißt die Lösung nicht Erhöhung von Hartz4 oder besser bezahlte Arbeitsplätze in Deutschland. Sondern Absenkung des Lebensstandards von uns allen auf (bestenfalls) Hartz4-Niveau zugunsten derer, die noch sehr viel weniger haben. Das wuerde auch das Problem des unbezahlbaren Geburtstagsgeschenk fuer den Kindergeburtstag loesen - es koennte eben niemand mehr dafuer Geld ausgeben. Nicht erstrebenswert fuer die meisten Deutschen, aber es wuerde die Moeglichkeit bieten, dass nicht anderswo Kinder die Mutter verlieren, weil sie einmal ein richtiges Essen auf den Tisch stellen wollte.

Ob sich diejenigen, die auf die "echte Armut" in Afrika verweisen, dieser Forderung anschließen würden, wage ich zu bezweifeln. Und auch die Organisatorinnen der Demo werden damit möglicherweise nicht ganz glücklich sein. Ich kann nicht behaupten, dass ich die Aussicht für mich und vor allem die nächste Generation toll finde. Aber auf dem aktuellen europäischen Lebensstandard wird es tatsächlich nicht für alle reichen.

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