Tage der Siege (und Verluste)

ist heute - immer noch der Tag, an dem (so weit ich weiss) in allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion des Sieges im Zweiten Weltkrieg gedacht wird. Dabei hat Armenien zumindest gestern schon seinen Sieg gefeiert. Seit gestern Mittag ist der Oppositionsführer Nikol Pashinyan Ministerpräsident. Ich habe die Wahl im Büro erlebt, vermutlich als eine der wenigen im Land, denn am Abend zuvor hatte Pashinyan bereits einen "Nicht-Arbeitstag" ausgerufen. Aber erstens hat mein Arbeitgeber für so etwas wenig Verständnis und zweitens haben die europäischen Geber, für die wir nun mal Anträge schreiben müssen, auch nicht so viel Verständnis, dass sie wegen einer Revolution die Abgabefristen verlängern.
Ich bin immerhin trotz der guten Nachricht und der vielen Feiernden gut nach Jerewan zurückgekommen. Mit Mitreisenden, die bewiesen, dass es stimmt, dass die Revolution immerhin die Menschen wieder näher zusammengebracht hat. So viel geredet, gelacht und auch getrunken wurde in meinem Umfeld in Armenien in den letzten Monaten nicht. Nur ich als Ausländerin war draußen, was auch irgendwie ein seltsames Gefühl war. So viel Offenheit, mich auch einzubeziehen, gibt es dann doch nicht, auch wenn ich versuche, Kontakt aufzunehmen. Trotzdem eine wunderbare Stimmung, bis ein furchtbares Gewitter niedergeht und alle erstmal in die Häuser vertreibt.

Noch mal letzte Revolutions-Feier-Bilder.



Freies Wasser für alle in der Vor-Gewitter-Schwüle

Trägt man heute: T-Shirt mit Pashinyan-Porträt

Was mir nicht gefällt: Die Siegesrede begann mit einem Verweis darauf, dass heute auch der Tag der "Befreiung Shushis (bzw. Shusha auf aserbaidschanisch)" ist. Heute vor 26 Jahren eroberten die Armenier die so wichtige Stadt in Karabach von den Aserbaidschanern und erreichte damit die Wende im Karabachkrieg. Es passt in das, was ich jetzt auch (selten, aber immerhin) schon ein paar Mal gehört habe: Manche erhoffen sich von Pashinyan jetzt mehr Entschlossenheit gegenüber Aserbaidschan zu zeigen. Serj wäre da ja zu sanft gewesen, weil er selbst aus Karabach stamme. Abgesehen von der mir nicht ganz schlüssigen Logik hinter dieser Erklärung frage ich mich auch immer, was um Himmelswillen denn mehr Entschlossenheit gegenüber Aserbaidschan heißen soll - Armenien hat doch gewonnen. Und mit Militär wird man die Anerkennung Karabachs durch Aserbaidschan wohl nicht gewinnen können.
Ich bin erleichtert, dass viele meiner Freunde trotz des Jubels auch an einen anderen Jahrestag erinnern: Am 8. Mai 2012 feierten einige Nationalisten die 20jährige Eroberung Shushis, indem sie eine Bombe in den einzigen schwul/lesbisch/queeren Club Jerewans legten. Es gab keine Verletzten, aber die Gründerin lebt seitdem im politischen Asyl in Europa. "Die wirkliche Revolution ist, wenn sie zurückkommen kann" schreibt eine Freundin auf Facebook. Ach ja, das würde ich auch gerne noch erleben.

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