Ich kann lesen

Ich unterbreche die Mischung aus Alltag und Politk mal für eine wichtige Durchsage: Ich kann lesen. Armenische Buchstaben. (Das ist schon auch ein bisschen Alltag und etwas Politik, denn welche Schrift geschrieben wurde, war im Kaukasus in den letzten zweihundert Jahren bisweilen ein sehr, sehr wichtiges Thema. Aber dazu - wenn überhaupt - später).

Busbeschriftung. Oder: Warum das mit
dem Lesen schon ganz nützlich ist.
Ok, nach acht Monaten im Land und vielen Aufenthalten bevor nun vielleicht nichts, womit man angeben kann, aber - hey, ich habe eine Vollzeitstelle, ein Kleinkind und eine längere Pendelstrecke zur Arbeit, da bleibt nicht viel Zeit fuer Sprachstudien. Vor allem nicht, wenn man wie ich Sprachen eher vom Lesen als vom Hören lernt und dann einem doch sehr fremden Alphabet gegenübersteht. Auch wenn es, wie Armenier gerne betonen, das logischste Alphabet der Welt sein soll weil jeder 38 (!!) Buchstaben genau einem Laut zugeordnet sei. Ehrlich gesagt: So weit, dass ich den Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüfen könnte, bin ich noch nicht gekommen. Aber ich kann lesen. Oder zumindest flüssig buchstabieren.
Tatsächlich hat mir der Pendelweg zwischen Yerevan und Ejmiadsin letztendlich geholfen, in das armenische Alphabet einzusteigen. Weil ich jeden Tag die selben Ortsschilder und Werbetafeln mit eigentlich erkennbaren Marken sehe, bildete sich langsam so ein "Stein von Rosette"- Ansatz heraus: "Wenn des "Montblanc" heißt, ist das ein M, das ein O,  - und ja! da ist noch ein 'M' und laut Umschrift darunter heißt der Ort Musalar! Ich bin ein Genie!!"
Man kommt auch ohne Lesekenntnisse, selbst ohne Kyrillisch, ganz gut durch Armenien, das habe ich ja auch lange genug bewiesen, aber gerade für den Yerevaner Nahverkehr oder überhaupt fürs Verkehrsnetz ist es schon ganz günstig.
Als ich in vor-revolutionären Zeiten das erste Mal das Gefühl bekam, ich könne lesen, hatte ich gleich große Pläne: Jeden Tag ein armenisches Wort und bis zu den Sommerferien kann ich hundert Worte - Zahlen eingerechnet, türkische und russische Lehnworte ausgenommen (obwohl bei meinem aktuellen Türkisch kann ich da vielleicht großzügig sein.) Geworden ist aus de großen Plan natürlich nichts. Ich baue weiterhin darauf, dass das Reisekind dann in ein, zwei Jahren dolmetschen kann. Das versteht nämlich laut Nanny alles auf Armenisch und ich bin immer wieder beeindruckt, wenn mein Kind auf etwas, was mir völlig fremd ist, hin, losrennt und z.B. das Licht in der Küche anmacht. Oder etwas bringt. Sprechen geht noch gar nicht, das ist aber bei dem Babel, in dem sich das Kind befindet, nun auch kein Wunder: Deutsch mit Mama, Armenisch mit Nanny, Mama spricht mit den meisten anderen Englisch oder (schlechtes) Russisch, die Nanny spricht mit vielen auf dem Spielplatz (gutes) Russisch. Die Tochter einer Freundin hat in ähnlicher Situation erstmal nur miaut. Aber eine Katze anschaffen, ist mir gerade zu viel. Ehere lerne ich dann doch etwas Armenisch.


Buchstabenteller. Wahnsinn. Wenn ich sowas noch mal in billiger (und weniger zerbrechlich) sehe,
bekommt das Reisekind einen.

Kulturgeschichtlicher Exkurs am Ende: Der Mönch und spätere Katholikos Mesrop Mashtots entwickelte das armenische Alphabet Anfang des 5. Jahrhunderts, um eine armenische Bibelübersetzung zu schaffen - man bedenke, dass Armenien zu diesem Zeitpunkt bereits seit gut hundert Jahren eine christliche Nation war, aber bis dahin die Bibel wohl nicht in der eigenen Sprache hatte. Nach einem armenischen Witz schuf er dann auch noch das georgische Alphabet, indem er ein paar Nudeln an die Wand warf. Für das armenische hat er sich mehr Mühe gegeben und eine verblüffend reichhaltige Sammlung von Variationen der lateinischen Buchstaben U (ohne jede Haekchen im Armenischen übrigens das S) geschaffen.

Mesrop Mashtots persönlich nahe der Cascade.

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