Protesttagebuch II - Zwischen Kinderbetreuung und Polizeieinsätzen

Donnerstag, 19.4.
Eigentlich alles ruhig. Im Büroshuttle werden Wetten abgeschlossen, wann Sargsyan den Ausnahmezustand erklären wird. Ich wette auf "Der tritt freiwillig zurück" und ernte den Lachanfall des Tages. Er sei schon 2008 mit Schüssen an die Macht gekommen, würde ich glauben, dass er sich gebessert habe? Ich glaube selbst nicht dran, aber hey - ich werde hier nie wieder Schokolade kaufen müssen, wenn er es doch tut.
Nachmittags laufe ich wieder über die doch nicht gesperrte Brücke und mache noch einen Abstecher in die Innenstadt um endlich ein Kabel für meine richtige Kamera zu bekommen. Ich habe die Handybilder so satt. Nicht ganz zufällig komme ich am Innenministerium vorbei - vorne stehen Touristen und fotografieren, als ich durch den Bogen gehe, finde ich mich in einer Polizeieinheit in Alarmbereitschaft wieder: Schilder, Helme, schutzsichere Westen, Waffen, braune Rucksäcke, in denen sich bei näherem Hinsehen Gasmasken befinden. Dazu Gesichter, bei denen ich fragen will, ob ihre Mamas eigentlich wissen, dass sie mit gefährlichen Dingen spielen. Diesen Gedanken erwähne ich meiner Russischlehrerin gegenüber, die ich (nun wirklich) zufällig ein paar Meter weiter treffe. Sie lacht: Genau das habe sie gestern bei einer Kundgebung erlebt. Plötzlich habe eine Frau gerufen "Ashots!? He, Mascha, schau mal! Da ist doch dein Ashots!" und auf einen der Polizisten gezeigt. Man habe den völlig verunsichtern Ashots dann schnell ausgetauscht. Meine Russischlehrerin meinte noch verteidigend, vermutlich sei besagter Ashots eben nicht besonders helle und wäre deshalb zur Polizei gegangen, irgendwas müssten ja auch Dummöpfe machen.
Ich bin trotz allem etwas beruhigt: Solange die Polizisten nicht nur aus Familien kommen, die kritiklos hinter diesem Staat stehen, sondern tatsächlich fürchten müssen, dass auf der anderen Seite auch Angehörige sind, wird es vielleicht nicht ganz so schlimm.


Freitag 20.4.
Homeoffice. Ob die Brücken offen sind oder nicht, wann, warum und von dem gesperrt, ist eine interessante Frage, die ich aber nicht ausprobieren will. Genauer gesagt: Keiner von uns. Ich hätte es sowieso nicht ins Büro geschafft, denn die Nanny kommt spät und erzählt etwas von mobilen Straßensperren. Mit einer etwas seltsamen Vorstellung von Demonstranten, die Parkbänke durch die Gegend tragen, ziehe ich in eines meiner Lieblingscafés zum Arbeiten. Alles erscheint ruhig. Dann auf einmal: Hupkonzert. Eine Gruppe Autos stellt sich auf einer zentralen Kreuzung quer, junge Menschen kommen plötzlich aus den Straße, umstellen die Autos als Menschenkette, sperren den Verkehr. Das sind also mobile Straßensperren. Friedlich Chaos produzieren. Funktioniert blenden, aber in kürzester Zeit ist auch die Polizei da und ich erlebe die ersten, nun schons eher aggressiven  Verhaftungen. Es werden nicht die letzten bleiben. Viele fotografieren und filmen und nicht nur welche mit Presseausweisen. Eine Bekannte filmt sogar noch aus dem Polizeiwagen nach ihrer Verhaftung. Mir machen fast am meisten die Männer in den Anzügen, den Knöpfen im Ohr und den Handys zum filmen in der Hand, Angst. So deutlich "Geheimdienst" schreien, zeigt schon von sehr viel Macht
Als ich nach hause komme, erklärt die Nanny, sie wäre mit dem Kind rausgegangen, aber nein, es hätte nicht herumlaufen können, sondern hätte im Wagen bleiben müssen - nein, nicht wegen der Demonstrationen, sondern weil da noch Pfützen vom Regen gestern nach gewesen wären und es da reingewollt hätte. Geht ja nicht, wird nass und dreckig. Seufz - und gleichzeitig gute Begründung, um noch mal rauszugehen, denn sonst ist hier noch Stunden Ausnahmezustand in der Wohnung. Also leiber gucken, wie sich der auf den Straßen gestaltet. Keine gute Idee, denn nur einen Block weiter tobt das Katz-und Maus-Spiel zwischen Demonstranten und Polizei an jeder Straßenecke. Weitere Verhaftungen, Lärm, dazwischen immer noch Passanten. Ich bin nicht die einzige mit Kind, was meine Sorge und schlechtes Gewissen etwas beruhigt. Das Trampolin im Park ist sogar wie immer voll genutzt, selbst wenn nebenan die gefürchteten "Red Berets" Passanten verhaften. Trotzdem - wir kehren schnell um und spielen noch etwas in der Pfütze an der Ecke.
(ja, die Fotos sind schlecht. Himmel! Schon mal probiert mit Kleinkind an der Hand und schlechter Handykamera Polizeieinsätz zu dokumentieren?)

22:50 Verdammt, ich hoffe, da hat sich jemand nur einen ganz schlechten Moment für sein Hochzeitsfeuerwerk ausgesucht. Einen sehr, sehr schlechten. Kann jemand mal ganz schnell mit dem Knallen aufhören? Das ist nicht witzig. Echt nicht.

Verhaftungen Jerewan




Straßensperren Jerewan


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