Gyumri

(Übrigens: Ich weiß, dass während ich hier Osterreiseberichte veröffentliche, sich die Proteste in Yerevan verschärfen. Der ausführliche Bericht folgt Ende der Woche - ich will erst den Höhepunkt morgen noch abwarten.)

Schon etwas spät, aber über die Ostertage, als meine Mutter noch da war, haben wir es endlich mal in die zweitgrößte Stadt Armeniens, ins ganz im Westen gelegene Gyumri, geschafft. In Gyumri war ich seit 1999 nicht mehr und in meiner Erinnerung war es ein deprimierender Trümmerhaufen, immer noch gezeichnet von dem verheerenden Erdbeben 1988. Damals haben wir nur einen Tagesausflug gemacht und die meiste Zeit nicht in der Stadt, sondern mit de Suche nach einem Kloster außerhalb verbracht. Diesmal waren wir fast drei Tage da und haben auf das Kloster ausserhalb verzichtet - mein Bedarf an Klöstern ist gerade gedeckt und trotz (oder wegen?) des neuen Kindersitzes sind zusätzliche Autofahrten mit dem Reisekind auch nur bedingt eine Freude. Da machte es mehr Spaß im Grüngürtel die ersten Blumen zu suchen.
Aber trotzdem mal kurz mein Eindruck der Stadt von damals, deutlich unter dem Schock, wie wenig elf Jahre nach dem Erdbeben passiert war:

"Die ersten Eindrücke von Gyumri, früher Leninakan, noch früher Alexandropolis, waren erschreckend. Wir fahren in die Stadt hinein durch eine endlose Reihe an Containern, in denen die Menschen noch elf Jahre nach dem Erdbeben leben und landen auf einem chaotischen Busbahnhof, der auch Markt ist. Das soll die zweitgrößte Stadt Armeniens sein? ... Während die sowjetischen Hochhäuser am Stadtrand, wo die meisten Mensche lebten, in sich zusammengefallen sind und nun in Trümmerbergen in der Landschaft liegen, blieben die Jugendstilhäuser aus der Zeit als die Stadt Alexandropolis hieß, stehen. Schöne, ein oder zweigeschossige Haueser aus dunklem Stein, manche auch mit tiefen Rissen, aber immerhin noch stehend."

Heute begrüßen nicht mehr Blechcontainer, sondern ein ausgedehnter Friedhof die in die Stadt Hineinfahrenden, der ebenfalls daran erinnert, dass hier zu viele Menschen auf einmal starben. Und obwohl sich schon sehr viel getan hat, sind die Spuren des Erdbebens doch immer noch da. Selbst im Zentrum finden sich noch einzelne Wohncontainer wie ich sie von 1999 erinnere - vor allem an dem Ort, den ich damals als chaotisch empfunden habe, und der es heute noch ist (trotz einiger Erfahrungen auf dem Gebiet, finde ich ihn immer noch ungewöhnlich chaotisch und groß): Der Markt bzw. Busbahnhof. Die eine Hauptkirche ist nur von außen wieder glänzend - innen wird der ganze Bau noch immer weitgehend von Gerüsten zusammengehalten. Die andere Kirche, über die ich in meinem Reisetagebuch 1999 schrieb "Furchtbar! Es gibt offensichtlich einen (schlechten) armenischen Barock" habe ich dieses mal nicht von innen gesehen. Sie war mit  Kinderwagen nicht leicht betretbar und Karfreitag und Ostersonntag wollte ich auch nicht zu viel Aufsehen erregen.
Noch immer sind die mehr oder weniger gut erhaltenen Häuser aus der russischen Kolonialzeit die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt. So beeindruckt wie 1999 war ich nicht von ihnen, inzwischen habe ich viele russische Kolonialstädte des Kaukasus gesehen und das auffälligste für mich heute ist die Kombination aus dunklem und hellroten Stein, der eine armenische Besonderheit ist. Auf dem Weg zeigte uns der Taxifahrer die Steinbrüche für diesen roten Stein - bemerkenswert rot leuchtend vor allem in dem ganzen frischen Grün (nicht ganz so grün in Gyumri - auf 1500 Meter kommt der Frühling spät).


Vorher-Nachher-Bilder an der Kirche aus russischer Kolonialzeit.
Im Hintergrund die alte Turmspitze. 



Hauptplatz von Gyumri. Der sowjetische Trend zum Vakuum in der Stadtmitte hält an.


Der frühere Hauptplatz zwischen den Kirchen nach einem Modell im Stadtmuseum.
(Lohnt sich übrigens generell das Museum. Wenn man kinderlos ist oder jemanden hat, der das Kind draussen bespaßt...)

Nachdem ich vor Jahren einen Artikel einer Freundin zu den Debatten um ein modernes Denkmal fuer die Erdbebenopfer redigiert habe, war ich immer gespannt, zu sehen, was nun rausgekommen war. Nun ja, ich muss ihren Artikel noch mal lesen, aber es scheint die konservativste Variante geworden zu sein. Schon eindrucksvoll, aber eben ... naja... konservativ und damit fast ein bisschen zu pathetisch für mich. Ich finde schlichtes Gedenken oft beeindruckender und so bleibt als zentraler Eindruck eher der Hauptfriedhof als Gedenkort für mich bestehen.



Wohncontainer, offensichtlich noch bewohnt.
In meiner Erinnerung sah die ganze Stadt so aus.

Für meine armenischen Kollegen wie auch für alle Ausländer, die ich bisher kennengelernt habe, ist aber das wichtigste in Gyumri das Fischrestaurant. DAS Fischrestaurant. Hier auf der Hochebene, hunderte von Kilometern vom nächsten Meer entfernt, in der Nähe eines winzigen Flusses, der nur als Grenzfluss zur Türkei eine gewisse Bedeutung bekommt, befindet sich das wichtigste Fischrestaurant Armeniens - und es ist tatsächlich wunderschön. Es ist eben nicht nur ein Restaurant, sondern ein Garten in einem tiefen Taleinschnitt, schattig und grün, eine Fischfarm mit vielen Teichen, in denen Fische vieler Arten und aller Größenordnungen schwimmen. Das Essen ist ausgezeichnet und preiswert - und ich finde es durchaus richtig, dass man hier noch etwas Gefühl dafür bekommt, dass Fleisch - und eben auch Fisch - nicht aus der Fabrik kommen, sondern für den Verzehr durch Menschen erst getötet werden müssen.

Apropos töten: Weniger schön ist die russsiche Militaerbasis, die die Fischfarm überragt und mit ihrem Stacheldraht und Wachtürmen den Charme eines Hochsicherungstraktes versprüht. Im Juni 2015 hatten 55% der Armenier die Anwesenheit der Russischen Armee als Hilfe gegen die Türkei und Aserbaidschan ausdrücklich gutgeheissen - trotz der Tatsache, dass ein paar Monate zuvor ein russischer Soldat in einem Amoklauf eine ganze Familien in Gyumri abgeschlachtet hat. Kann wohl mal passieren.


Blick hoch zur Festung ... aehh... Militaerbasis.
Komischerweise wird nirgendwo das Fotografieren verboten. Naja, man sieht ja auch nicht viel.


Was sich auch in meinem Tagebuch von 1999 findet und was mir ebenfalls wieder auffiel: Wie nah Gyumri ander Grenze zur Türkei liegt. Die Strasse von Yerevan führt manchmal nur wenige Meter am Grenzzaun entlang und auch die Militaerbasis ist ja eben hier, weil bis 1991 Gyumri eine der Staedte war, an denen sich Sowjetunion und NATO direkt gegenüberstanden. (Die Basis soll von 1941 sein, wenn ich mir das Haupttor angucke, vermute ich fast einen militärischen Vorgängerbau um 1900. Das wäre jetzt auch nicht unrealistisch, denn schon damals war das hier Grenzgebiet.) Bis heute gibt es keinen direkten Grenzverkehr zur Türkei und selbst wenn ich schon 1999 von einer Delegation aus dem türkischen Kars, die an diesem Tag in Gyumri gewesen sein soll, und einer geplanten Städtepartneschaft geschrieben habe, scheint sich da bis heute nicht mehr getan zu haben. Die türkische Schokolade, die ich damals als Besonderheit von Gyumri erwähnt habe, gibt es inzwischen in ganz Armenien, aber wie die Waschmittel und Wachmaschinen, der Käse und die Kühlschränke, kommt sie wie alles Türkische über Georgien und trotz der hohen Zölle scheint das fuer die meisten ok zu sein. Die omnipräsenten türkischen Waren ebenso wie die geschlossenen Grenzen. Denn: Mit Türken kann man nicht handeln. Und erst recht nicht zusammenleben. Manchmal erscheinen mir die Grenzen hier sehr, sehr eng und ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht: Die Feindseligkeiten jenseits oder diesseits dieser Grenzen.

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