Es eskaliert - Protesttagebuch III

Sonnabend, 21.4.
Vormittags Regen und einer unruhigen Nacht erstaunlich ruhig. So ruhig, dass ich kurz nach drei beschließe, mich mit einer Kollegin in einem Café zu treffen, das meinen Berechnungen nach im Windschatten liegen müsste. Wenn wir einmal über die Mashtots sind, dachte ich, wäre alles ok, denn dann wären es Nebenstraßen und die Ecke an der Uni müsste am Wochenende doch ruhiger sein - ODER? Ok, Mathe war nie meine starke Seite und ich hatte mich offensichtlich gründlich verrechnet. Über die Mashtots war überraschend einfach, wenn auch laut. Sehr laut. (Wer macht bloß das Vermögen mit diesen bunten Plastiktröten (sind das auch  die berüchtigten Vuvuselas?), die auf einmal alle haben?) Wir waren zwar mitten in einen sich sammelnden Demonstrationszug gekommen, aber mit überraschend wenig Polizei. Trotzdem war ich froh, als wie abbiegen konnten und es leiser wurde - bis ich feststellen musste, dass der Zug hinter uns her kam. Ok, hundert Meter vor dem Zug ging es noch. Kurzes Telefonat mit der Kollegin - sie war in der selbn Situation, allerdings von einer anderen Richtung - Ähhh... Moment mal. Tatsächlich hatte ich mit perfekter Sicherheit ein Café an einem Treffpunkt zweier Protestzüge ausgesucht. Die "Yerevan Protest Map" ist wohl nicht so richtig korrekt. Aber darum geht es ja: Organisertes Chaos. Das Reisekind, dem der Lärm doch etwas viel wurde, war mit einem Croissant schnell wieder glücklich und wollte am liebsten sofort wieder los. Zum Glück fanden wir dann doch noch eine halbwegs ruhige Route, auf der es auf einmal wieder so wirkte, als wäre es ein ganz normaler Sonnabend im Zentrum Jerewans.



Manchmal (selten!) ist auch der Protest vom Auto aus weiblich.
(Jerewan, 21.4.)

Sonntag, 22.4.
Der zehnte Tag der Proteste. Der gefürchtete zehnte Tag. Am zehnten Tag der Protste war es 2008, dass Serj (man ist hier ja mit dem Präsidenten/Premierminister auf Du, sonst könnte man ihn von den vielen anderen Sargsyans nicht unterscheiden) schießen ließ. Der Tag bekann sehr ruhig, fast schon zu ruhig und mein Nachbar äußerte große Hoffnungen, weil sich Serj und der Führer der Opposition Nikol Pashinjan treffen würden. Nun, mein Nachbar hat auch geglaubt, Serjs Aussage, er würde den Posten des Premierministers nicht "suchen" wäre ein Versprechen, es nicht zu werden - ich halte also nicht viel von seinen politischen Einschätzungen. Aber dann bin ich doch schockiert: Serj erklärt, die Bevölkerung habe wohl aus 2008 nichts gelernt (sie hatten wohl lernen sollen, dass er  schießen lässt, um seine Macht zu sichern) und läßt den Oppositionsführer trotz Immunität als Parlamentarier verhaften. Im Lauf des Tages heißt es, Pashinjan und andere Oppositionspolitiker seien wegen "mass disorder" (ist das Stiftung öffentlicher Unruhe auf Massenbasis?) angeklagt und würden mit bis zu acht Jahren Gefängnis rechnen müssen. Jede Versammlung ist jetzt illegal.
Noch, gegen halb zehn, tobt es halbwegs friedlich auf den Straßen. Aber jeder weiß: Es kann jeden Moment kippen. Allmählich kommen auch die geopolitischen Ängste ins Spiel: Russland steht hinter Serj - darf er überhaupt zurücktreten? Wie viel russisches Militär ist überhaupt im Land? Nutzt Aserbaidschan die Chance, anzugreifen? Oder - auch das ist nicht unwahrscheinlich - zettelt Serj den Krieg an, um abzulenken?
Auch bei mir wächst die Angst, Nicht um mich oder das Reisekind, aber um die Freunde auf den Straßen und um Armenien. Klingt pathetisch, ist aber so. 

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