Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Alltagsbloggen auf Frau Brüllens berühmte Frage ist das heute nicht, denn auch bei mir fangen die Tage normalerweise nicht damit an, dass um 3.45 geklopft wird und man mir mitteilt, dass wir uns der armenisch-georgischen Grenze nähern. Schlafwagenfahrten durch den Kaukasus sind einerseits bequem und sicherer als die Straßen (vor allem mit leicht reisekrankem Kind) aber eben auch recht langwierig. Für die Strecke, für die man mit dem Auto höchstens fünf Stunden braucht, sind es im Zug gut das doppelte. Und dann eben auch noch die ganzen Grenzen (ich kann es nicht oft geung sagen: Schützt die EU!). Müde reiche ich die Pässe aus dem Schlafwagenabteil, beruhige das Reisekind, das die Störung doof findet, und gucke etwas schuldbewusst zu meiner Mutter, die als Babysitterin für die nächsten Arbeitstage in Tbilisi nicht nur aus Deutschland gekommen ist, sondern auch diese ganze Tour mitmacht.
Um 4.24 geht es weiter, nur um eine halbe Stunde später an der georgischen Grenze wieder zu stehen. Natürlich müssen alle Gepäckstücke geöffnet werden, um sicher zu gehen, dass wir keinen Alkohol von Armenien nach Georgien schmuggeln. Wer käme auch bloß auf eine derart blöde Idee, Wein nach Georgien zu bringen? Umgekehrt wollte ich auf jeden Fall etwas mitnehmen. Das Reisekind ist sauer, dass sie nicht durch den Zug rennen darf - also mit sechs Monate altem Baby war die Strecke irgendwie doch einfacher.
Um kurz nach fünf geht es endlich weiter und wir können noch mal bis halb acht schlafen.
7.50 Ankunft Tbilisi. Der Abholservice vom Hotel funktioniert immerhin tadellos, Frühstück gibt es leider noch nicht, aber eine Tasse Kaffee bekomme ich und kann mich etwas frisch machen, bevor ich um
9.15 aufbreche, um meine armenische Kollegin von einem anderen Hotel abzuholen. Kurze, aber herzliche Begrüßung mit den weiteren armenischen, georgischen und aserbaidschanischen Kollegen, die wir hier treffen. Tbilisi ist eben der Ort, an dem alle entspannt um den Frühstückstisch sitzen können - wenn man denn Zeit hat, denn wir hetzen weiter.
Um 10.00 bis kurz vor 12.00 ist das Treffen mit der Geberorganisation, die unser Projekt finanzieren soll - erstaunlich angenehm und mit einem weiteren Kaffee. Nach der Nacht nicht ganz unwichtig.
12.00 - wir halten kurz am Hauptbahnhof und ich kaufe die Tickets für die Rückfahrt am Mittwoch. Perfekt wäre, wenn man mal Hin- und Rückfahrt-Tickets zusammen kaufen könnte, aber ich will ja nicht zu anspruchsvoll werden. Immerhin ging es schnell, und gegen
12.20 sind wir im Hotel für das Mittagessen - und werden den Raum so bald nicht wieder verlassen. Wieder einmal verbringe ich einen sonnigen Nachmittag in Tbilisi in einem Meetingroom mit den Tiefen des Südkaukasus.
13.00 Nächste Sitzung, meine Kollegin und ich bringen die georgische Beraterin auf den neusten Stand und diskutieren die nächsten Schritte. Es bleibt dabei, dass die Vorgaben meines armenischen Chefs irrsinnig, die Situation in Aserbaidschan unberechenbar und überhaupt der Zeitplan hoffnungslos ist. Aber die Stimmung ist überraschend gut, Unmöglichkeiten sind nun mal Alltag.
Nach einer Kaffeepause beginnen wir um
15.30 mit den Berichten der Researcher, die für uns die Studie in den Grenzgebieten in Armenien und Aserbaidschan gemacht haben. Spannend und inspirierend, was sie über junge Leute und ihre Vorstellungen voneinander und über den möglichen Frieden zwischen beiden Ländern herausgefunden haben. Die optimistische Stimmung verfliegt, als wir konkret anfangen, nächste Schritte zu planen, denn der aserbaidschanische Partner ist für seine Verhältnisse ungewöhnlich verhalten und will sich zumindest vor dern Präsidentenwahlen im April auf nichts festlegen. Und auch für danach klingt er nicht optimistisch. Gibt es ja auch keinen Grund für, aber ich hatte doch auf mehr gehofft. Verdammt, ich liebe dieses Land nach wie vor von allen drei kaukasischen Ländern am meisten und ich hasse, mitansehen zu müssen, wie es wohl doch unvermeidlich eine völlig abgeschottete Diktatur wird.
18.00 Abendessen - auch wenn uns allen etwas der Appetit vergangen ist - und ich bereite mich allmählich auf den Absprung vor, auch wenn die Kollegen noch mindestens eine Stunde länger tagen werden. Die Müdigkeit nimmt überhand und allmählich mache ich mir auch Sorgen um Reisekind und -oma, die allerdings offensichtlich einen tollen Tag hatten. Irgendetwas mit Altstadt, Friedensbrücke und einem perfekten Park sowie ganz viel Essen und jetzt nur noch schlafen wollen. Klingt auf jeden Fall besser als mein Tag (obwohl das Essen bei uns auch sehr gut war). Ich falle ins Bett.
21.00 Gute Nacht.


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