Alles Plastik

Ohne Plastikverpackung müsste ich von Lauch leben

Eine Kollegin hat neulich aus Mexiko ueber ihre Erfahrungen mit Plastikverpackungen geschrieben. Ich wollte bei jedem Satz "Ja, kenne ich" seufzen. Auch hier wird in Plastik gepackt, was man in Plastik packen kann. Am besten mehrfach. Es gibt Obstgeschäfte, da werden Bananen in Plastik verschweißt verkauft und in eine eigene Plastiktüte verpackt, in der die ebenfalls in Plastik verschweißten Apfelsinen nichts zu suchen haben. Die kriegen dann eine eigene Tüte und werden mit den Bananen und den interessanterweise unverschweißten Äpfeln zusammen in eine größere gepackt. Das müsse so sein, denn wo solle man denn sonst das Preisschild hinkleben, das dürfe man nicht direkt auf die Nahrungsmittel. Mein Hinweis, ich würde sowohl Bananen als auch Apfelsinen ohnehin schälen, stiess auf Unverständnis, dabei fand ich es eigentlich ganz logisch, dass eine Bananenschale kein Lebensmittel ist (ok, das muss ich auch dem Reisekind manchmal noch erklaeren, aber da sind die Rückstaende eines Preisschilds sogar mein geringeres Problem.) Ich bin immer auf der Suche nach dem einen laden mit weitgehend unverpackten Obst und Gemuese oder nehme bevorzugt das unverpackte, aber seit in meinem Lieblingsladen sogar jeder Kohl seine eigene Plastikhülle hat, muss ich aufgeben.
Im Herbst schien es mir noch nicht so schlimm, vielleicht ist es auch ein Problem mit importierten Obst und Gemuese, aber andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendwo auf der Welt Auberginen und Zucchini in Packungen zu zweit in Plastik gepackt werden, nur um dann nach Armenien geschickt zu werden (es stört mich übrigens auch, dass ich auf die Weise keine ungerade Zahl an Gemüse kaufen kann). Positiv muss ich allerdings anmerken, dass es tatsächlich möglich ist, auf Plastikflaschen zu verzichten: Das Leitungswasser ist ok, öffentlich Trinkbrunngen gibt es in Yerevan an fast jeder Ecke und Saft oft in Glasflaschen. Aber ohne Plastiktüte geht nichts. Der Schokoriegel, der ohnehin gleich gegessen wird, das Windelpaket, das eine perfekte Schlaufe hat, um es an den Wagen zu hängen, die Brötchentüte, die eigentlich aus Papier ausreichend ist - nix da, der Verkaufende hat offensichtlich Angst als geizig zu gelten, wenn da nicht noch eine Plastiktüte ins Spiel kommt "Ist bei uns umsonst, nicht wie bei euch in Europa!" höre ich oft. Plastik als Beweis der Grosszügigkeit.
Der großzügige Umgang mit Ressourcen wie Wasser und Strom - hier ohnehin knapp und nach dem trockenen Winter mehr als sonst, geht mir auch an anderen Stellen auf die Nerven: Meine Nanny läßt die Waschmaschine auch mal für einen Body, einen Pulli und eine Strumpfhose des Reisekindes laufen, und als ich erklärte, das Kind habe genug Sachen, um die Waschmaschine nicht praktisch leer laufen zu lassen - und damit meinte, man könne einiges sammeln - fand ich am nächsten Tag die Wäscheleine voller Klamotten, die am morgen noch sauber im Schrank gelegen hatten. Nun muss ich als nächstes erklären, dass die Waschmaschine nur mit schmutziger Wäsche gefüllt werden sollte. (Neeeiiin, ich fühle mich überhaupt nicht verarscht....)
Ein Problem, das die Kollegin aus Mexiko erwähnte, haben wir hier immerhin nicht oder nur in kleinem Maße: Die Umweltverschmutzung durch das viele Plastik ist in der Stadt überhaupt nicht und auf dem Land wenig sichtbar. Klar gibt es mal ein Feld zwischen Dörfern, wo sich and Zäunen die verwehten Plastiktüten sammeln, aber angesichts dessen, was sich in meiner Küche ansammelt, finde ich das noch überraschend gering. Letztens sind auch noch die Bußgeldregelungen gegen Müllwegwerfen auf der Strasse verschärft worden, zusammen mit den zu niedrigsten Löhnen überall fegenden Rentnerinnen, die sonst mit der Rente nie über die Runden kämen, ergibt das eine vordergründig recht sauberere Stadt - vor allem für eine Berlinerin. Wie das auf den Müllkippen aussieht, ist ein ganz anderes Thema.
Viel Kontakt zu Umweltorganisationen hier habe ich nicht, dazu fehlt einfach die Zeit und Umweltschutz kommt in meiner Arbeit auch (leider) nicht vor - wenn man von einem Projekt absieht, in dem Frauen aus alten Plastiktüten wiederverwertbare Einkaufsbeutel stricken (die sind gar nicht mal so scheußlich, wie es sich für mich erst anhörte!). Aber eine Freundin, die da sehr aktiv ist, hat letzte Woche einen "Free-Market" organisiert - jeder bringt mit, was er nicht mehr braucht und kann sich dafür etwas nehmen, was er/sie braucht, außerdem werden Kurse in Upcycling, reparieren etc. angeboten. Schon ein typisches Stadt-Mittelschicht-Phänomen, in den Dörfern ist Nutzung bis zuletzt nach wie vor bittere Notwendigkeit - aber trotzdem: Es regt hoffentlich gerade bei dieser Schicht zum Umdenken an. Ich wurde eine grosse Tüte Sachen des Reisekindes vom Herbst los und bin stattdessen um zwei perfekte Blusen und eine leichtes Sommerteil (von dem ich nicht weiß, ob ich es je anziehen werde) reicher. Beim naechsten Markt versuche ich auch mal an einem Workshop teilzunehmen (ja, klar, mit 18 Monate altem daneben naeht es sich sicher total entspannt...)


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