Über Kinderfreundlichkeit - fast schon ein Rant

Armeniern, nein Kaukasiern, nein, vermutlich allen Menschen außer Mitteleuropäern wird gerne eine besondere Kinderfreundlichkeit bescheinigt. Und die meisten sind auch selbst stolz darauf. Nach nun ein paar Monaten im Praxistest  wird es Zeit für ein paar Beobachtungen: Ja, die Menschen sind in der Regel begeistert vom Reisekind und es genoss und geniesst die Aufmerksamkeit sehr - solange die Menschen etwas Abstand halten. Und da beginnt schon das Problem, denn fuer viele ist es normal, fremde Kinder einfach hochzunehmen und zu kuessen, ganz egel, ob das Kind das mag oder nicht. Immer wieder muss ich deutlich machen, dass ich nicht möchte, dass mein Kind von Fremden abgeknutscht wird (vor allem nicht, als ich sie noch im Tragetuch hatte - Himmel!), auch dass Bonbons und Kaugummis nicht einfach so in den Mund von Babys ab sechs Monaten gestopft werden sollten, war nur schwer zu erklaeren. Aber Kinder lieben Süßes! hiess es vorwurfsvoll, als sei ich die schlimmste Rabenmutter, die ihrem Kind nichts gönnt. Ähnlich geht es mir mit der Nanny, wenn ich versuche, etwas mehr Selbständigkeit und Freiheit für das Reisekind durchzusetzen. Es lief praktisch von Anfang an der Nanny selbst entgegen - um den Rest des Tages getragen zu werden, denn laufen könnte es ja noch nicht. Es mag Süsses eigentlich nicht so gerne wie Salziges (solange es nicht erfährt, dass es sowas wie Chips gibt, muss ich mir um gesunde Ernährung keine Sorgen machen), aber wenn es von seiner eigenen Geburtstagstorte nur etwas in den Mund mantscht und dann nicht mehr will, muss man den Biskuitteig nun nicht kleinscheiden und ihm in Stueckchen in den Mund schieben - sage ich böse Mutter. Nun ist der Kampf ums Laufen hoffentlich beendet, der Kampf, dass das Kind wirklich einen Löffel (und eine Gabel, aber wir wollen ja nicht übertreiben) selbst halten kann, ist noch am Laufen. Denn was hier eindeutig nicht zur Kinderliebe gehört: Kinder als eigenständige, kompetente  Menschen wahrnehmen.

Ebenfalls nicht zur Kinderliebe gehört eine halbwegs vernünftige Infrastruktur, die das Leben mit und für Kinder in der Stadt - vom Land ganz zu schweigen - einfacher macht. Das ist vielleicht auch ein Grund für die große Begeisterung, die dem Reisekind gerade in der ersten Zeit hier entgegen schlug: Babys und Kleinkinder unter anderthalb sind hier kaum sichtbar, und wenn dann meistens wiel die Mutter offensichtlich mit einem älteren Geschwisterkind rausgehen muss. Erst langsam treffen wir in Parks und auf Spielplätzen mal Gleichaltrige. Das ist auch kein Wunder: Über den Nahverkehr und Spielplätze (hier und hier) habe ich mich ja nun schon ausgelassen. Einkaufen gehen mit Kind? Vergiss es. Am besten gefallen mir Kindergeschäfte, die durch Treppen mit Kinderwagen nicht zugänglich sind, und bei denen man gebeten wird, nicht mit Wagen reinzukommen, weil das zu kompliziert sei. Von dem Museumsshop an der Kaskade, der Kinderwagen wegen der zerbrechlichen Angebote aus Sicherheitsgründen verbietet, aber anbietet, ich könne ja das Kind rausnehmen, ganz zu schweigen. Lange nicht mehr so gelacht.

Zum Eigenlob auf die Liebe zu Kindern gehört unweigerlich auch das Hohelied auf die Großfamilie.  Laut dem hier bereits zitiertem Caucasus Barometer betrachten 45% der ArmenierInnen drei Kinder als die ideale Anzahl innerhalb der Familie, 24% sogar vier. Nur ein Prozent findet ein Kind ideal. Damit leben die allerwenigsten Armenier in einer Familie, die ihrer Meinung nach die ideale Groesse hat - denn die Geburtenrate pro Frau lag in Armenien 2015 bei 1,52 Kindern und scheint eher noch zu fallen. Tatsaechlich gibt es in meinem Umfeld genau eine Familie mit drei Kindern und durchaus eine Reihe Frauen in meinem Alter ohne Kinder (und sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wenn man mit +/- 40 anfaengt, werden es wohl auch keine drei mehr. Trotz der gerade eröffneten edlen Fruchtbarskeitsklinik bei mir nebenan). Jaaaa, sagen meine Kolleginnen, das liege aber an der Stadt. Auf dem Land, da hatten die Menschen noch richtige Familien. Nix da, sagt die Statistik für die erste Hälfte 2017: Die niedrigste Geburtenrate hat die Provinz Syunik im Süden, die hoechste - Yerevan. Das bestätigt Theorie, dass das zweite Kind auch viel vom Wohlstand der Familie abhängt, und zeigt, dass offensichtlich Verhütungsmittel (oder Abtreibungen?) auch in ländlichen Gebieten gut zugänglich sind.

Übrigens: Die hier gerne geschürte Angst, dass die Aserbaidschanerinnen als Muslimas mindestens sechs Kinder in die Welt setzen und irgendwann den Kaukasus fluten, ist ebenfalls statistisch Quatsch: 1,9 Kinder bekommt eine Aserbaidschanerin und damit werden sie genauso aussterben wie die Armenier. (Und die Deutche, im Uebrigen). Nur nicht ganz so schnell.

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