Operation Sandburg

Ja, ich weiß, es ist ein Topos in den Blogs von reisenden Familien, dass es doch so schön ist, den Kindern früh Erlebnisse in der Ferne zu vermitteln. Am besten noch mit dem Hohelied der völligen Eintauchens in die fremde Kultur. Ja, ich will nicht leugnen, dass vieles daran toll für Kinder ist, und auch ich bin natürlich überzeugt, meinem Kind durch mein Leben etwas ganz Besonderes zu bieten. Aber es gibt eben auch ein paar Dinge, auf die das Reisekind verzichten muss. Im Sand spielen, zum Beispiel. Seit ein paar Tagen sind ihre alten Stapelbecherchen wieder total in und erinnern mich daran, wie wir mit ihnen die ersten Spielplatzausflüge im letzten Sommer in Berlin gemacht haben - und daran, dass hier erst kurz vor Weihnachten der Spielplatz vor dem Haus frisch gestaltet wurde. Als Sand würde ich den Untergrund zwar nicht beschrieben, viele kleine Steinchen erzeugen etwa die Konsitenz von Katzenstreu, aber zum Herumwühlen war es ok. Sandburgen und Foermchen konnte man aber vergessen. Leider hatten offensichtlich auch alle Hundebesitzer der Umgebung die "Katzenstreu"-Assoziation und nur vier Wochen später ist der Spielplatz nicht mehr betretbar. Ja, es sind auch noch ein paar streunende Katzen, Hunde und rauchende Teenager mitverantwortlich, aber der größte Teil sind schon die Haustiere. (Zur Definition von "kinderfreundlich" hier ein anderes Mal.) Immerhin war damit auch geklärt, warum die meisten Yerevaner Spielplätze mit einer Art Kunstrasen ausgelegt sind, der in Verbindung mit den Plastikspielgeräten das Reisekind in wenigen Minuten elektrisch  so aufläd, dass sie buchstäblich Funken sprüht.

Blumenkasten vor einem Restaurant als Sandkasten-Ersatz.
Bestenfalls ausreichend.
Eine armenische Kollegin verstand mein Problem mit dem fehlenden Sand nicht, es gäbe doch Indoor-Spielplätze mit besonderem Sand, der wäre ganz toll, bunt und so, dass das Kind sich damit nicht schmutzig machen könne. "Sauber" ist hier nun offensichtlich eines der Hauptkriterien für erfolgreiche Kinderhaltung. Wann immer das Reisekind mal mit ein paar trockenen Blättern, Steinchen oder etwas Erde spielt, macht mich ganz bestimmt jemand darauf aufmerksam, dass das schmutzig wäre, worauf sich in der Regel folgender Dialog entspinnt: Ich: "Ja, ich weiß." - " Es macht sich schmutzig!" - "Ja, ich weiß." - Die Jacke hat einen Fleck! Und die Hände!" - "Ich habe eine Waschmaschine. Und eine Babybadewanne." Im besten Fall gibt der / die besorgte BürgerIn an dem Punkt auf. Nicht selten wird aber jemand anderes herbeigerufen. der mir nun auf Englisch (für Russisch bin ich offensichtlich zu blöd) erklärt: "Das ist schmutzig!" - "JA! UND MEIN KIND IST ABWASCHBAR!!" Der bisher extemste Fall war, als das Reisekind daraufhin hochgenommen und mir in den Arm gedrückt wurde.

Das Seepferdchen fand ich ja ganz nett, aber
wie da runter kommen?
Ok, notfalls nehme ich auch einen Sand, bei dem das Reisekind so sauber herauskommt, wie man es reingesetzt hat. Der erste Versuch, so einen Spielplatz zu besuchen, schlug alerdings schon mal fehl: Ein Kellergeschoss, eine lange, recht steile Treppe, keine Rampe oder Aufzug - das nenne ich doch mal Kundenorientierung an Müttern mit Kleinkindern und Kinderwagen.
Der zweite Versuch schlug fehl, weil Kinder unter drei Jahren in dem "Sandspielcentre" nicht zugelassen sind. Überhaupt fühlte ich mich in dem "Kindercafé" trotz der etwas überladenen, aber dennoch verspielten Märchen-Deko extrem unwohl: An Einzelpersonen oder Familien war hier nicht gedacht, hier feiern reiche, sehr reiche Armenier  die Geburtstage ihrer Kinder mit hundert Gästen und dreigängigen Menüs (und wenn ich die gedeckten Tisch so ansehe, auch mit einer Menge Alkohol). Ich glaube, das wird nix.
Wir durften mal kurz probieren aber ich war von dem "kinetischen Sand" auch nicht wirklich ueberzeugt. Laut Internet ist es eine geniale Mischung aus 98% Sand und 2% einem Polymer auf Siliziumbasis - klingt schon mal toll. Fühlt sich eher an wie etwas körnige Knete, bröckelig und - bewegt sich?! Bitte, wer will denn, dass der Sand sich von selbst bewegt? Ich meine, ohne dass man Wasser darüber kippt?

Das Ende vom Lied: Ein halbes Kilo Gries in die große Pfanne gekippt und im Laufe einer Sonntag Nachmittags über die gesamte Küche verteilt. Am Ende hatte das Kind auch raus, wie es mit Wasser aus der Flasche den Gries auch in Matsch verwandeln kann. Thema "sauber" war dann auch erstmal vom Tisch. Mal shen, ob sich mit Mehl-, Gries-, Couscous-Mischungen das ganze noch perfektionieren läßt. Zum Glück habe ich nicht nur eine Waschmaschine und eine Babybadewanne, sondern auch einen Staubsauger.

Kommentare