Murphys Gesetz- Kaukasus Edition

Eigentlich sollten wir heute - endlich, endlich - mit der Vorstudie zum Friedensprojekt starten. Es war nicht der Mega-Schneesturm, den ich für unseren ersten Tag in der bergigen Grenzregion vorhergesagt habe, der das Ganze dann zum Kippen brachte, sondern die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen in Aserbaidschan. Statt im Oktober wird jetzt schon Anfang April gewählt und wie in den vergangenen Wahlen setzt das das ganze Land erstmal in den Pausenstatus bis der Status Quo bestätigt ist. Und auf einmal ist hier die absolute Gleichschaltung mit den aserbaidschanischen Partnern so wichtig, dass man dann auch gleich den armenischen Teil cancelt. Da hat man gleich das lästige Friedensthema mit vom Tisch. Murphys Gesetz.

Warum  in Aserbaidschan so früh gewählt wird? Keine Erklärung. Hier überschlagen sich die Spekulationen natürlich. Am beliebtesten ist die Variante, nach der Aliyev todkrank ist, ich tendiere eher zu der Variante, dass die Wahlen nicht mit den Feierlichkeiten zu 100-jährigen ersten Unabhängigkeit 1918 im Herbst zusammen fallen sollen. Ok, das weiss man so ungefähr seit 100 Jahren, aber das ist ja nun auch kein Argument. Mich erinnert das ganze an die Situation im September 2016 als ich ein kompliziertes Kooperationsprojekt mit Usbekistan zwei Tage vor Beginn meines Mutterschutzes zum Laufen gebracht hatte - und dann starb ein paar Tage später der dortige Diktator Islam Karimov und alles begann bei Null. Murphys Gesetz.

Frustriert nahm ich heute an einer Veranstaltung der Ebert-Stiftung teil, und wie es in schlechter Stimmung nun mal ist, hörte ich auch hier vor allem, wie von armenischer Seite nur die Mauern hochgezogen wurden. Alles was von den Politologen und europäischen Experten (nun in der Regel auch nicht für überquellenden Optimismus berühmt) gesagt wurde, waren in den Augen der armenischen Experten nur Utopien, unsinnige Ideen, der Status Quo das Beste, was bei weitem zu erreichen ist, und überhaupt: Wer sich bewegt, verliert. Möglicherweise hatten sie in dem Fall - der Frage nach der Zusammenarbeit zwischen der EU und der EEU (Eurasische Wirtschaftsunion, bestehend aus Russland, Weißrussland, Kasachstan, Kirgistan und Armenien) sogar recht, aber ... ach, bäh.

Abends dann ein Treffen mit armenischen Jugendlichen und Studierenden, die aus Aleppo (die hatten eine große armenische Gemeinde) geflohen sind und nun in Armenien ein neues Leben aufbauen wollen (bzw. sollen). Internationale Organisationen überschlagen sich, ihnen dabei zu helfen, so sehr, dass die erste Frage bei jedem Vorschlag meiner Kollegin lautete: "Und? Was haben wir genau davon? Bekommen wir Geld, wenn wir teilnehmen?". Wenn humanitäre Hilfe zu lange geht, gewöhnen sich die Empfänger daran, dass sie Empfänger sind. Murphys Gesetz.

Gerade will ich einfach nur nach hause. Andererseits - Murphys Gesetz, GroKo Edition, ist jetzt auch nicht so wahnsinnig attraktiv.


Immerhin: Es wird Frühling in Yerevan. Was kann da noch schiefgehen?

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