30 Jahre und kein Ende

Freiheit oder Tod. (Frieden oder Dialog stehen nicht zur Debatte.) 
Gestern sagte ich noch zu meiner Kollegin: "Wenn wir noch einen Versuch mit dem Friedensprojekt starten wollen, muss es vor dem 25. Februar sein, da ist Khojaly-Tag in Aserbaidschan, da sagt bestimmt wieder einer etwas, was hier für Aufregung sorgt, und wir sind wieder bei null." Der Satz bewies, dass ich immer noch zu Aserbaidschan-bezogen denke. Denn heute war in Armenien der 30. Jahrestag der Resolution, mit der der Autonome Oblast Berg-Karabach auf dem Gebiet Aserbaidschans den Anschluss an Armenien forderte. Tausende versammelten sich damals auf dem Opernplatz und unterstützen die Forderung. Für viele, die sich heute noch mit leuchtenden Augen an diese Zeit erinnern, war es die langersehnte nationale Wiederbelebung, die Abwendung von der Sowjetunion, die Entdeckung des eigenen Mutes und der eigenen Kräfte, etwas zu verändern - völlig zu Recht: Für die Sowjetunion waren die Demonstrationen, die sich klar gegen die Entscheidungen in Moskau richteten, ein sehr mutiger Akt und allein die Tatsache, dass die Zentralmacht nicht mit Gewalt einschritt, ließ in Aserbaidschan die schlimmsten Befürchtungen aufkommen. Eine Woche später kam es zu den Pogromen von Sumgayit bei Baku, bei denen Aserbaidschaner in Wohnungen von Armeniern eindrangen, mordeten, verletzten und vergewaltigten. Es war der Beginn der Lawine, die schließlich zum offenen Krieg führte. (Wenn ich mal viel Zwit habe, lese ich mal die Veränderungsprotokolle der Wikipedia-Einträge zu den Ereignissen - die sind gerade ständig mal pro-armenisch, mal pro-aserbaidschanisch...)

"Es sind auch unsere Kinder" - Ja, die kann mal wohl
nicht früh genug in einen Panzer stecken.

Heute wohne ich keine zehn Minuten vom Opernplatz entfernt, es ist der Lieblingsspielplatz des Reisekindes und auch meiner, weil einfach immer etwas los ist. Heute war es die Gedenkveranstaltung für die großen Demonstrationen 1988. Eine Fotoausstellung mit den Bildern von damals, die ich größtenteils schon aus Publikationen kannte, die aber in der Größe doch beeindruckend waren, Reproduktionen alter Plakate und Banner, von denen einige aussahen, als hätten sie die letzten dreißig Jahre wohlbehütet in Abstellkammern verbracht, um an solchen Tagen wieder herausgeholt zu werden. Dazwischen vor allem (nein, ausschließlich!) alte Männer, die den großen Tagen hinterher trauern und von einer Neuauflage der Ereignisse träumen. "Hoffentlich übertreiben sie es mit dem Historical Reenactment nicht", meinte meine Freundin M. mit der ich das Treiben verfolgte. Ja, hoffentlich. Immerhin schien die Jugend der Stadt reichlich unbeeindruckt zu sein.



Im Vergleich zu den damaligen Massen, war es heute sehr ruhig. Und dabei war das Wetter deutlich besser als 1988.


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