Über Armut


Meine Tante, die im Herbst zum Geburtstag des Reisebabys zu Besuch kam und damit das erste Mal die ehemalige Sowjetunion betrat (abgesehen von St.Petersburg. St.Petersburg zählt nicht) verstand nicht ganz was ich hier mache. Das Land wäre doch nicht arm. Zumindest die Stadt würde nicht so wirken. Das stimmt - zumindest das Zentrum von Yerevan ist, wie schon oft geschrieben, voller Geschäfte mit Luxusartikeln, der Kaffee in den Cafés ist kaum billiger als in Berlin und trotzdem findet man manchmal keinen Platz zwischen all den jungen Mensch am Laptop.

Und dann gibt es Geschichte wie die meiner Kollegin. Meine Kollegin arbeitet seit über zehn Jahren in einer NGO, die von ausländischen Gebern in dieser Zeit bestimmt mehrere Millionen Euro bekommen hat. Außerdem Geld von der armenischen Diaspora und vermutlich auch aus nationalen Quellen, auch wenn darüber wenig gesprochen wird. Ihr Gehalt liegt über dem armenischen Durschnitt (ok, das ist nichts schwer) und für Yerevan vermutlich eher etwas unter der Mitte. Und sie ist krank. Krebs. Die dritte Chemo ist gerade abgeschlossen, mit gutem Erfolg, wobei Erfolg heißt, dass man in die vierte Runde gehen kann. Könnte. Wenn das Geld da wäre. Genauso wenig wie all die anderen gutgekleideten, fröhlich wirkenden Menschen auf Yervans Straßen hat sie eine Krankenversicherung. Meine Kollegin hat einen Sohn in Frankreich, eine Schwester in den USA und einen Bruder in Russland. Alle haben bisher Geld geschickt, alle werden weiter Geld schicken. Aber wird das, was die Familie aufbringen kann, wirklich reichen? Und wie lange? Und gibt es nicht Wichtigeres als die Gesundheit und das Leben einer fast 60jährigen? Die Ausbildung der Enkel beispielsweise? Dass ein Zwei- und ein Fünfjähriger die Oma dringender brauchen ist leicht gesagt von Menschen, die beides haben können: eine Krankenversicherung und Schulen, in denen die Kinder genug lernen können, um vielleicht irgendwann mal in ein Land zu kommen, in dem es bezahlbare Krankenversicherungen gibt. Hier ist beides kaum erreichbar. Genauso wenig wie allen anderen Frauen auf Yerevans Straßen sieht man ihr an, dass sie aus Geldmangel vermutlich nicht mehr lange zu leben hat. Auch sie geht regelmäßig zum Frisör, achtet auf gute Kleidung, Maniküre und Make-Up. Man stirbt hier, weil man den Arzt nicht mehr bezahlen kann, aber niemals mit ungepflegten Fingernägeln.

Ist das Armut? Hier hungert niemand (auch wenn Milch, Fleisch und jetzt im Winter Obst und Gemüse so teuer sind, dass ich mir durchaus Familien mit mangelernährten Kindern vorstellen kann), ein Dach über dem Kopf hat auch jeder, und sei es das Sofa mit fünf anderen Familienangehörigen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, und Analphabeten gibt es auch nicht. Kinderarbeit gerade auf dem Land immer mal wieder, aber auch dort wird nach wie vor viel in Bildung investiert. Als Entwicklungsland lässt man sich auch nicht gerne bezeichnen. Man ist nicht arm, wie "die in Afrika" (ja, ein gewisser Rassismus ist hier auch typisch...) arm sind, man hat einfach nur Pech gehabt. Pech, dass die Sowjetunion entstanden ist, Pech, dass sie zerfallen ist. Sonst hätten sie auch noch Krankenversicherungen, sonst könnten sie auch einfach so zum Arzt, wie ich das kann, wie mir meine Kollegin regelmäßig erklärt.

Ich gebe zu, es fällt mir schwer,  den Neid und die Bitterkeit meiner Kollegin gegen mich, die Frau mit allen sozialen Absicherungen auszuhalten. Ich kann nichts dafür, dass mein Arbeitgeber für mich in die Krankenkasse, die Rentenkasse, die Arbeitslosenversicherung einzahlt, und sich bei seinen ausländischen Partner-NGOs nicht darum schert, wie die Angestellten leben (können). Wir arbeiten schließlich alle aus Idealismus, oder? Nur manche müssen eben idealistischer sein als andere.


(Ein Teil der Bilder sind übrigens usprünglich für einen Beitrag zum armenischen Alphabet  entstanden. Die Markennamen sind doch wirklich nicht wiederzuerkennen.)

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