Wmdedgt? oder so

4.35 Das Reisekind wacht auf und brüllt. Nichts hilft: Tragen, Kuscheln, Flasche, Singen, Spieluhr nur exakt so lange wie sie eben spielt. Zähne? Da erst acht da sind, beruhigt mich der Gedanke gar nicht, denn das kann ja noch ewig dauern.

5.50 Wieder eingeschlafen. Ich offensichtlich auch irgendwann, denn der Wecker um

7.00 erwischt mich ziemlich kalt. Buchstäblich. Das Temperaturanzeige am Handy sagt was von -3 draußen, die Betonwände der Außenwände sind dünn und die Heizung ist kaum warm. Da sparen die Gaswerke wieder, sagen die Nachbarn. Gas ist teuer und kommt aus Russland, das gerne mal klar macht, wer das Sagen hat. Als wüsste das nicht hier sowieso jeder.
Zum Glück schläft das Kind noch etwas unter der warmen Decke (kein Wunder nach der Nacht!) und ich kann mich duschen und anziehen und sogar den Kaffee aufsetzen, bevor es aufwacht. Danach Kind fertig machen, kuscheln.

8.00 Der Chef, auf den ich immer noch angewiesen bin, um ins Büro zukommen, da unser Shuttlebus immer noch in der Reparatur ist (so viel zum Thema „Unfälle“) schickt eine sms, dass er erst um neun fährt, mich aber mitnehmen wurde. Grrrr. Da hätte ich eine halbe Stunde länger schlafen können.

8.20 Die Nanny kommt (Ja, ich bin die Luxus-Alleinerziehende mit Nanny. Keine Heizung, aber Nanny. Die Freuden des Lebens in einem Entwicklungsland) und statt ihr nur das Kind in die Hand zu drücken, trinken wir noch einen schnellen Kaffee.

9.00 Der Chef sammelt mich an der Straßenecke nicht weit von mir auf und um

9.30 sind wir im Büro. Unterwegs haben wir gestritten, ob Computerkurse für Frauen mehr Sinn haben als Kosmetikkurse. Seiner Meinung nach werden Frauen immer Maniküre brauchen, aber ob ich sicher sei, dass in 20 Jahren noch von Computern geredet werden würde. Ich kann gar nicht erwarten, dass der Shuttle endlich aus der Reparatur ist.

Bis 10.25 diskutiere ich mit einer Kollegin unser Friedensprojekt. Läuft. Sogar den Umständen entsprechend gut. Wir werden noch vor Weihnachten ein Treffen in Tbilisi haben. Hoffentlich funktioniert postsowjetischer Nachtzug mit Kleinkind so gut wie postsowjetischer Nachtzug mit Baby.

10.30 Ich hetze zu meiner Präsentation über Probleme der weiteren Entwicklung der Organisation. Die drei älteren Mitarbeiterinnen beklagen sich, dass sie seit einer halben Stunde da sitzen und auf mich warten. Offensichtlich hat ihnen keiner gesagt, dass es eine halbe Stunde verschoben ist, und ebenso offensichtlich ist keine von ihnen auf die Idee gekommen, entweder in meinem Büro zwei Türen weiter nachzugucken, oder im gegenüberliegenden Sekretariat nachzufragen. Ich bin leider zu müde und zu wenig konfliktfreudig, um das gleich mal als Beispiel zu nehmen.

11.15 Ende der Präsentation und ganz zufrieden, auch mit der Diskussion. Gefühlt könnte ich jetzt auch nach hause gehen. Die Kollegin vom Friedensprojekt hat einen anderen Termin und wir kommen nicht weiter. Mache ich aber nicht, sondern verplemper bis

13.00 mit Kleinigkeiten wie der Suche nach einem billigen Hotelzimmer möglichst zentral in Tbilisi und der Frage, wie ich das nächste „Frauenempowerment durch Nägellackieren“-Projekt verhindern kann. Dann raffe ich mich auf, um ein längst fälliges Planungsgespräch mit einer Kollegin zu führen.


13.55 nix geplant, aber sehr viel Tratsch aus dem Büro erfahren. Sie hat ja recht, wir haben noch bis April Zeit, aber für die Kostenkalkulation wären ein paar Eckdaten zur Raummiete etc. trotzdem gut. Naja, ist halt nicht. 
Ich mache noch ein paar Telefonate und helfe ein bisschen mit der Weihnachtsdeko fürs Büro (und denke, dass es doch auch ganz schöne war, in muslimischen Ländern zu arbeiten...) und gehe dann um

15.10 endgültig. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert die Fahrt zurück nach Yerevan eine gute Stunde, aber um

16.15 bin ich zuhause. Ohne eingekauft zu haben, aber das muss ich dann eben mit Kind machen. Bei den hiesigen Supermärkten ist zwar mit Kinderwagen kein Durchkommen und das ganze deshalb ein Alptraum, aber muss gehen.

Das Reisekind ist munter und natürlich war die Nanny bei dem nass-kalten Wetter nicht mit ihr draußen. Ärgerlich, aber egal. Ich gehe ja gerne mit meinem Kind raus - das allerdings sicher auch nichts gegen zwei Ausflüge am Tag hätte.

16.50 verlassen wir das Haus und gehen zum gestern eröffneten Weihnachtsmarkt an der Northern Avenue. Das meiste ist noch nicht fertig (z.B. der Bratwurststand - schnüff, ich habe doch schon am Freitag beim Weihnachtsmarkt der Deutschen Botschaft wegen des Gedränges keine bekommen), aber dem Reisekind ist das auch egal. Die Treppen hoch zu ein paar Luxusgeschäften sind sowieso am tollsten.

17.40 ich bin trotz ständigen Treppensteigens durchgefroren und wir machen uns auf den Heimweg. Dabei stelle ich fest, dass der superedle Supermarkt an der Avenue kinderwagen-befahrbar ist. Ich glaube, die ein, zwei Euro, die ich mehr gezahlt habe, waren gut angelegt.

Nach etwas spielen, essen, baden, schläft das Kind überraschend schnell ein.
Ich arbeite noch etwas und warte, bis Frau Brüllen die Liste freischaltet. Deutschland ist ja drei Stunden hinterher.

21.20 Blogtext abschicken. Gute Nacht.

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