Denk ich an Kaukasien in der Nacht...

... ok, um den Schlaf bringt mich heute vor allem der übliche Nachtflugplan, nach dem wir um halb drei Richtung Flughafen aufbrechen müssen, letzte Nacht war es die Rückfahrt von Tbilisi im Auto und zwei Nächte davor die Nachtfahrt im Zug nach Tbilisi. (Das Reisebaby hat übrigens super mitgemacht, auf der Ebene war alles gut, auch wenn Dienstreisen mit Kind jetzt nicht zur Gewohnheit werden sollten.)
Aber die Nachtfahrten waren ja auch ein Symptom für das, was es hier so schwer macht, überhaupt an Frieden zu denken. Nachdem alles so glatt - vermutlich zu glatt - lief, stand unser Friedensprojekt letzte Woche von jetzt auf gleich plötzlich vor dem Aus. Eben war noch stolz verkündet worden, dass durch meine Hilfe nun ein Friedensprojekt mit Aserbaidschan anlaufen würde, am nächsten Tag steigt der Druck auf meine Kollegin, das ganze abzublasen, ins Paranoide. Dass ein früherer aserbaidschanischer Partner der NGO nun auf eimal wirre Mails schreibt, die meiner Meinung nach auch von einem Computer-Bot stammen könnten, und in denen er (oder wer auch immer) einerseits sein Interesse an einer Zusammenarbeit betont, andererseits jede Kommunikation als zu gefährlich ablehnt und am liebsten nach jeder Mail die Adresse ändern würde, hat schon meine Kollegin und vor allem meinen Chef zunehmend beunruhigt - mich auch, aber eher, weil ich keine Lust hatte, mit jemand komplett paranoiden zu arbeiten, als weil ich tatsächlich Angst hatte, der Geheimdienst wolle uns in was für eine Falle auch immer locken (dass meine Kollegin zwar einerseits paranoid ist, andererseits jedes von dem Schreiber der Mails empfohlene Programm auf ihrem Computer installierte - hm. Muss ich nicht verstehen.) Nun wurde das Treffen im neutralen Tbilisi in Frage gestellt, weil man ja nie wisse, wer da möglicherweise auf einen lauern würde.
Der junge Assisstent meiner Kollegin - Armenier aus Georgien und damit vielleicht etwas weg von all der Propaganda - wiederholt immer nur kopfschüttelnd: "20 Jahre. Es sind 20 Jahre und wir sind keinen Schritt weiter." Er hat Unrecht: Es sind nächstes Jahr 30 Jahre, dass der Streit um Karabach eskalierte und die beiden ohnehin nie besonders guten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan zu Todfeinden machte. Seit 1994 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. Und noch heute gilt die Steigerungsform von 'frozen conflict': deeply frozen conflict, Karabach.
Ich will den Karabach-Konflikt gar nicht erklären - ich kann es auch gar nicht. Man kann es bei Wikipedia (oder fuer die wirklich interessierten bei dem genialen Thomas de Waal) nachlesen, aber es ist und bleibt ein Konflikt, der  sich den üblichen europäischen Erklärungsmustern zumindest meiner Generation entzieht. Hier geht es nicht um Bodenschätze, hier haben ausländische Mächte wenig bis kein Interesse (ok, Russland hat vermutlich auch nichts gegen einen etwas instabileren Kaukasus, aber mehr auch nicht) und die einheimischen Politiker profiteren zwar von einem gewissen einenden Hass auf "die Anderen" in der eigenen Bevölkerung, aber von  einem echten Krieg habe sie auch nichts zu gewinnen. Was bringt also einen Mann der Kirche dazu zu sagen "Wir brauchen kein Friedensprojekt, niemand will hier Frieden!", warum setzt man meine Kollegin mit vagen Andeutungen, es wäre dann eben ihr Problem, wenn der Geheimdienst sie einbestellen würde, unter Druck bis hin zur nackten Panik? Laut den meisten Menschen hier WIRD der Geheimdienst sie einbestellen, wenn sie sich mit Aserbaidschanern trifft, es sei nur die Frage, wie ernst man das ganze nehmen muss. Meine Kollegin hat ein dreijähriges Kind, ja, sie nimmt sowas ernst. Also fuhr ich alleine nach Tbilisi, geschützt von meinem deutschen Pass (dass das nicht unbedingt ein Schutz ist, wissen wir nach den Verhaftungen in der Türkei alle, aber  es ist ja auch nur Georgien, der berühmte neutrale Boden.) Tatsächlich hatte ich ein produktives Treffen mit einem jungen Aserbaidschaner - ja, ich glaube, dass er sich auf irgendeine Weise den Schutz seiner Regierung erkauft. Mich beruhigt das eher, als dass es mich abstößt: so kann ich etwas sicherer sein, dass ich niemanden mit meinen Trämen vom Frieden in ernsthafte Gefahr bringe.
Die Fahrt durch den Kaukasus, die vertrauten Wege durch Tbilisi, die Erfahrung, dass mein Netzwerk gut genug ist, dass mir Menschen aus allen drei Ländern und verschiedenen Hintergründen so sehr vertrauen, dass sie bereit sind, zusammenzuarbeiten, nur weil ich dabei bin, hat mir wieder gezeigt, wie tief meine Wurzeln in der Region sind. Wie viel auch ich hier zu verlieren habe. Und wie hoch die Verantwortung durch das Vertrauen ist, denn verdient ist es nicht: Ich bin die, die immer gehen kann. Die Witze machen kann, ob die verfolgenden Geheimdienste bitte wenigstens mit dem Kinderwagen helfen könnten. Für andere ist das alles kein Witz.

Frieden auf Erden? Im Südkaukasus würde mir fürs nächste Jahr erstmal schon reichen. Und wenn mir jetzt jemand eine eingeschränkte Weltsicht vorwerfen will: Ich denke, wenn man es hier schaffen würde, schaffte man es überall (ok, vielleicht nicht im Nahen Osten. Aber was die Ausweglosigkeit der Situation angeht, sind wir hier schon ziemlich nah dran.

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