Spielen und öffentlicher Raum

Es gibt sie noch, die Orte, die mich an das Yerevan von 1999 erinnern. Die Orte, wo ehemals sowjetische Träume und Alpträume einfach sich selbst überlassen verwildern, weil es kein Geld gibt, sie zu erhalten, aber auch keinen Grund, sie zuzubauen oder abzureißen. Es sind wenige, unter den dem neuen Pflaster und den hinter den schicken Fassaden der Läden, Cafés und Clubs, aber es gibt sie und ich werde sie vermutlich in den nächsten Monaten verstärkt kennen lernen, denn es sind vor allem die Orte, die einmal für Kinder geplant wurden. Nun rosten dort alte Spielgeräte, verwildern Open-Air-Theater und Springbrunnen, stehen vielleicht ein paar auch schon etwas verwahrloste Fahrgeräte herum oder ein ebenfalls schon älterer, auch wenn vielleicht noch nicht so alter Zug dreht noch seine Runden. Ein Vorteil ist, dass in diesen Parks auch nicht so wahnsinnig gefegt wird wie an anderen Orten in der Stadt und deshalb kann man hier in Blättern wühlen und Eicheln finden oder in den verwilderten Beeten buddeln. Sandkisten, Rutschen oder Schaukeln sucht man vergebens, die bringen ja auch niemanden unmittelbar Geld - weder der Stadt noch einer Privatperson. Vielleicht stehen noch ein paar dieser elektronischen Reittiere rum, auf denen Kinder zur Musik mehr oder weniger heftig geschaukelt werden, aber das ist dann auch das Ende der Animation. (Das Reisebaby liebt es zumindest anderen Kindern beim Reiten zuzusehen und zur Musik mitzuwippen - bald werde ich wohl auch 200-Dram-Münzen sammeln, um ihr das Vergnügen zu gönnen.






Es ist immer noch ein wesentlich billigeres Vergnügen, als die Spielcenter in den diversen Malls hier (ok, genau genommen sind es zwei Malls, was schon noch übersichtlich ist.) In diesen Anlagen, die ich in Hinblick auf das nun auch hier immer schlechter werdende Wetter jetzt auch langsam anfange auszuprobieren, können Kinder je nach Alter ins Bällebad springen, Karussellfahren, Malen, sich Kletterwände hoch hangeln oder verschiedene Spielkonsolen ausprobieren. Aber das hat natürlich seinen Preis. Mögen Ausländer mit entsprechenden Gehältern begeistert sein, dass man sein Kind hier für 10 Dollar einen Tag lang beschäftigen kann, so ist das doch für meine armenischen Kollegen eine Summe, die man sich zweimal überlegt: Einen Tag Eindrucksüberdosis zwischen blinkenden Lichtern, lauter Musik und ganz viel Farben, oder eine Stunde privater Englischunterricht? Die Wahl ist für viele klar. Und nicht, weil man prinzipiell an den Untergang des Abendlandes glaubt, wenn die Kinder mal mit Plastik und Elektrospielzeug in Berührung kommen, sondern weil eben nur Bildung den Weg aus dem Land oder in die besseren Jobs sichert. Ich bin nicht sicher, ob die massive Beschulung außerhalb des tatsächlich an schlecht bezahlten Lehrern und maroden Schulen krankende Bildungssystem für die Kinder wirklich gesünder ist, als mal auf diesen Indoor-Rummeln rumzutoben, aber ich verstehe die Prioritäten. Und auch sonst wird man mich und das Reisebaby da eher selten treffen: Es war mir schlicht zu laut - und zu kalt- Welchen Sinn hat ein Indoorspielplatz, in dem man besser die Winterjacke anbehält?
Sieht schon irgendwie kalt aus, die Schatzinsel, oder?



Meinem alten Thema, der Veränderung der ehemals sowjetischen Hauptstädte im Kaukasus doch nicht ganz treu, beschäftigt mich aber abgesehen von der Frage, wie ich das Reisebaby künftig mit kleinen Ausflügen beschäftige, auch die Frage, was diese offenkundige Verlagerung von ehemals für alle zugänglichen und bezahlbaren (Spiel-)Räumen in private, von Animateuren und Sicherheitsleuten bewachte und nur für eine kleine Gruppe bezahlbare Räume für die Bewohner Yerewans im besonderen und über die Lebensqualität in sowjetischen und post-sowjetischen, in sozialistischen und in kapitalistischen Städten im Allgemeinen aussagt. Da brauche ich noch mehr Forschungszeit. Werde ich wohl bekommen.

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