Kunsthandwerk. Endlich mal wieder.


Kunsthandwerk und Kunst
(und ein kleines bisschen Kaskade - das Weiße da hinter dem
blauen Vogel.) Über die Kunstwerke kann man ja geteilter Meinung sein,
aber die Stickereien und ihre Verarbeitung zu Taschen ist gut.) 

Ich habe einen Kinderwagen! Ich habe wieder einen Kinderwagen!! Einen, wohlgemerkt, nicht meinen, denn der ist immer noch kaputt bzw. die Ersatzteile in den Kisten und die sind in - Berlin. Ernsthaft. Sicher im Lager, wie mir die Spedition mitteilte und dafür offensichtlich mehr Begeisterung erwartete als ich aufbringen konnte. Der Transport über Moskau funktioniert nicht wie geplant und nun wird eine neue Fluglinie gesucht. Offensichtlich nicht ganz einfach, denn das geht jetzt schon ein paar Tage so.

Ok,  das hätte jetzt nicht sein müssen, aber ich habe von der Freundin einer Freundin einer Kollegin einen Kinderwagen - und Yerevan auf einmal sehr viele Stufen, hohe Bordsteine und holperiges Pflaster. Aber was solls, Hauptsache wir konnten am Wochenende einen zweistündigen Bummel über einen kleinen Kunsthandwerksmarkt an der Kaskade machen, ohne dass mein Rücken und das Kind protestierten. Zum ersten Mal sehe ich wirklich gutes armenisches Kunsthandwerk und spüre die alte Begeisterung für die Möglichkeiten, die es in wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung spielen kann. Das, was an der Vernissage verkauft wird, ist ja größtenteils ziemlich nichtssagend und schon im Vorbeigehen habe ich jedes Mal das Gefühl, nun wirklich keinen Granatapfel mehr sehen zu wollen - weder gemalt noch getöpfert, nicht gestickt, geschnitzt oder gedruckt. 
Häkelpuppen standen bisher jetzt nicht auf meiner Liste des
förderungswürdigen Kunsthandwerks, aber die haben was.
Auch für Ausländer, die die Personen aus den Werken des Dichters
Tumanyan nicht kennen, die sie darstellen.
Der Markt am Wochenende zeigte nun, dass man armenisches Kunsthandwerk auch granatapfelfrei gestalten kann. Mit Steinmetzarbeiten als Briefbeschwerer habe ich es ja nicht so, vor allem wenn sie vor allem verzierte Kreuze beinhalten, aber die Textilien, die Seidenmalerei, Stickereien, Webteppiche waren toll und schon ziemlich perfekt in der Verbindung von Tradition und wirklich nützlich an moderne Vermarktung angepasst. Das beste aber war, dass es an allen Ständen Postkarten mit Bild, Kurzbiographie und vor allem Adresse der Werkstatt - eine Menge Kunsthandwerker und Kunsthandwerkerinnen in abgelegenen Orten Armeniens können sich schon mal auf meinen Besuch vorbereiten! 
Und mit den Organisatoren von My Armenia, einem Kulturtourismusprojekt, das u.a. vom Smithsonian Institute gefördert wird, muss ich mich auch unbedingt mal unterhalten.


Der Kinderwagen hat übrigens auch Nachteile. Bisher war das Reisebaby ja wenigstens in meinem Tuch vor Übergriffen geschützt, auch wenn ich sobald es anfing, irgendwo zu laufen oder krabbeln, schon aufpassen musste, dass es nicht von irgendjemand Fremden hochgenommen und abgeknutscht wurde. Muss ich noch aufpassen, dass es mir nicht aus dem Kinderwagen gekidnapped wird. Was um Himmelswillen haben Menschen davon, ein sich wehrendes Kind auf dem Arm zu haben? Kinderliebe beinhaltet auch etwas Respekt vor dem Willen des Kindes, versuche ich zu erklären, wenn es sprachlich irgendwie geht, aber bisher bekomme ich immer nur die Antwort, ich wäre eben Ausländerin. Stimmt. Und mein Anpassungswille an manches ist dann eben doch eng begrenzt.

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