Ein Jahr Reisebaby...

...und eigentlich müsste hier wohl sowas stehen wie "Mein ganzes Leben hat sich vollkommen verändert", "Ich hätte mir nie vorstellen können, wie mein Leben mit Baby aussieht." Zumindest war es das, was mir alle prophezeit haben: vom immer wieder gehörten "unendlich anstrengend" bis zum Satz meines Nachbarn "Wie sehen uns ja jetzt sicher öfter, du kannst ja jetzt nicht mehr so viel unterwegs sein." Ich hatte nicht das Herz im zu sagen, dass ich gerade mit der sechs Wochen alten im Tuch das Haus verließ, um einen Reisepass für das Kind zu beantragen. Die damals geplante Reise hat zwar nicht stattgefunden, weil jemand anderes meinte, ich könne mit Kind ja nicht reisen, aber dafür haben sich anderer ergeben.
Ganz ehrlich: SO dramatisch fand ich die Veränderungen gar nicht. Ja, Reisen mit Kind ist anstrengender als ohne. Aber das gilt auch für den Durchschnittsnachmittag zu hause - von einem ruhigen Morgen mit Kaffee und Buch ganz zu schweigen. Im Gegensatz zu letzterem ist Reisen immerhin noch möglich. Da ich nie durch Länder gerast bin und immer Zeit für Pausen an schönen Orten hatte, hat sich mein Reisestil nicht mal so verändert. Ich bin geübt darin geworden, an den unmöglichsten Orten zu wickeln , notfalls auch zu stillen, und denke (fast immer) an irgendetwas, was sich auch schon vom Reisebaby gut aus der Hand essen lässt. Und das wurde über die letzten Monate zum Glück immer mehr. Meistens denke ich auch an die Flasche, die aber so unbeliebt ist, dass sie schon mehr verloren als ausgetrunken hat. Wir haben auch eine unglaubliche Menge an Gummitieren verloren, es aber immer geschafft, die Lieblingsrassel immer noch beliebt) wiederzufinden. Die Bewegungsfreiheit hier ist etwas eingeschränkt, aber das liegt am absolut kinderfeindlichen öffentlichen Nahverkehr (Bus, Minibus, U-Bahn), in dem man eben keinen Kinderwagen mitnehmen kann und der auch ohne Kind auf dem Arm schon nervig ist. Taxi geht, aber immer Schale anschnallen, Kinderwagen zusammenklappen, verladen, Schale abschnallen, Kinderwagen ausladen, zusammensetzen... bäh. Das überlege ich mir zweimal. Vermutlich werden wir mehr Ausflüge ins Umland machen als in der Stadt unterwegs sein. Das lohnt sich dann wenigstens. Die Anschaffung eines Kinderwagens, der sich mit Babyschale kombinieren lässt, war übrigens trotz aller Warnungen, die wären zu kipplig, super. Mir graut schon vor dem Moment, wo wir endgültig die Schale gegen einen Autokindersitz tauschen müssen. Keine Ahnung, wie ich Wagen, Autositz und Kind dann transportieren soll. Und hier den Führerschein machen? Vergesst es.

Auch mit der Ruhe an den schönen Orten eben schwieriger geworden ist (wie eben auch auf der eigenen Couch). Aber dafür nehme ich mir wieder mehr Zeit für Bäume und Büsche, Steine und Pfützen - kurz für all das, wovon andere Eltern auch schwärmen und wofür man nicht reisen muss. Aber auch wenn es für ein Kind egal ist, wo die Pfütze ist - ich finde es schön, wenn sie nicht immer an der selben Straßenecke ist. Ich weiß trotzdem nicht, ob ich bei meinem Leben überhaupt von Reisen sprechen  kann, oder ob es nur ein langsames Umziehen mit vielen Ausflügen ist. Der Lebensmittelpunkt wird auf unbestimmte Zeit in Armenien sein und für den Augenblick passt diese - zumindest für mein Empfinden - unabenteuerliche Umgebung auch.
Den ersten Geburtstag haben wir nun teils am Sevansee (dazu noch mal extra), teils in Yerevan gefeiert. Das Reisebaby hat ganz tapfer eine längere Strecke bergauf an der Hand zurückgelegt (an der Hand nicht, weil es die Unterstützung nötig gehabt hätte - o nein, sondern weil die blöde Mama verhindern wollte, dass es auf die Straße läuft.), am See mit Steinen gespielt und einen Spielplatz erkundet. Der Spielplatzmangel in Yerevan gehört zu den größten Nachteilen der Stadt. Zwar stehen in vielen der Höfe (auch in unserem) ein paar Plastiktürme  und -rutschen, aber sie werden vor allem von Jugendlichen und Männern allen Alters als Treffpunkte genutzt. Als Mutter bin ich zwar aus dem schlimmsten Beuteschema raus, aber Spaß macht ein solcher Spielplatzbesuch dann doch nicht.
Auf jeden Fall freue ich mich auf viele weitere, kleinere und größere Reisen mit meiner kleinen Reisegefährtin, die jetzt ja ganz offiziell kein ReiseBABY mehr ist, sondern ein Reisekleinkind. Da das aber bescheuert klingt, muss ein neues Pseudonym her. Irgendwelche Ideen?

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