Armenischer Kaffee

Irgendwann im Sommer las ich eine Glosse, in der sich jemand über die modernen Mütter mit dem Kaffeetassenhalter am Kinderwagen lustig machte. Ich konnte nicht mehr weiterlesen, was daran jetzt so schlimm war, denn das innere "WOHER haben die den?! Will auch! WILL AUCH!" war einfach zu laut. Natürlich bin ich nicht dazu gekommen, mir wirklich einen anzuschaffen, aber so blöd mein Leihbuggy mit seinem ständig abfallenden linken Vorderrad ist: Er hat einen Kaffeetassenhalter. Jetzt muss ich nur noch einen vernünftigen Coffee-to-go-Dealer in meiner Nachbarschaft finden, dann steht dem Leben als "Yerevan-Mitte-Mom" nichts mehr im Wege.
Das mit dem Coffee-to-go gestaltet sich allerdings schwieriger als erwartet, denn das Angebot sieht größtenteils so aus:



Tatsächlich könnte ich eine ganze Collage mit den verschiedensten Kaffeeautomaten auf Yerevaner Straßen machen und es würde sich sogar lohnen, denn bisher habe ich noch keine zwei gleichen gesehen. Irgendwie habe ich aber keine Lust dazu, ebensowenig wie darauf, sie alle durchzuprobieren, um den besten zu finden. Da mache ich Rabenmutter doch lieber einen kurzen Zwischenstopp in einem Café auf dem Rückweg vom Russischkurs und trinke da einen Kaffee. Da habe ich bisher auch nicht viel ausprobiert, sondern lande meistens in der am Weg gelegenen Filiale der Jazzve-Kette (nein, das ist nicht unbedingt Werbung, die Bedingung ist nervtötend langsam - oder kommt es mir als gehetzte arbeitende Mutter nur so vor?!). Hier gibt es den berühmten armenischen Kaffee, von dem sogar Freunde in Baku schwärmen, wobei der Begriff 'armenischer Kaffee'  natürlich etwas irreführend ist, vor allem wenn er in Baku mit dem gierigen Blick ausgesprochen wird: Wenn Du schon ins böse Nachbarland fährst, bring wenigstens Kaffee mit. Denn in dem steinigen Gebirgsland wächst natürlich kein Kaffee, der wird hier genauso aus Indonesien und Afrika importiert wie sonst auch. Wichtig ist die Zubereitungsart in der Jezve, dem nach oben zulaufenden Topf mit dem langen Henkel, in dem starker Kaffee mit Satz serviert wird, bei dem man vorher dazu sagt, wie viel Zucker man möchte, denn der wird mitgekocht. Ok, es ist das, was man in Deutschland türkischen oder arabischen Kaffee nennt, in Griechenland irgendwann von 'türkisch' zu 'griechisch' umbenannt hat, und am ehrlichsten vielleicht 'osmanisch' heißen müsste. Überlebende des Genozids brachten also zwar nicht die Kaffeepflanzen, sondern lediglich die Zubereitungsart auf die kaukasische Hochebene.
Der richtige armenische Kaffee soll auf heißem Sand gekocht werden und jedesmal, wenn ich einen in einem Café trinke, das diese Erklärung auf der Speisekarte hat (und das sind sehr viele in Yerevan!) möchte ich fragen, ob ich das mal sehen kann. Bisher habe ich mich nicht getraut, aber jetzt habe ich ja einige Zeit dafür. Und Koffein kann ich gerade auch nicht genug bekommen.

Das Fotografieren meines Essens und Trinkens wird nie mein Hobby.
Aber man beachte den Jezve-förmigen Kekse ganz rechts.
Coffee-to-go gibt es bei Jazzve übrigens angeblich auch. Aber solange sie noch keine Jezve-förmigen Pappbecher haben, nehme ich lieber das Gedeck. ('Jazzve' soll übrigens ein Kunstwort aus 'Jazz' und 'Jezve' sein- Wenn ich den Jazz gefunden habe, lasse ich es euch wissen.)

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