Limonade und Gentrifizierung

Ich war zwar schon einmal an der Sameba-Kathedrale in Tbilisi, aber damals haben mich Freunde da nur schnell hochgeführt und für das umliegende Viertel Avlabari blieb sehr wenig Zeit. Dabei ist Avlabari sogar so interessant, dass es zum Studienobjekt von Ethnologen rund um Gentrifizierung geworden ist (ok, wenn man bedenkt, was Ethnologen alles studieren, ist das vielleicht nur bedingt ein Beweis für ein interessantes Viertel.) 
Trotzdem ein Besuch ist es Wert, vor allem da ich sowieso noch mal zur Sameba hoch wollte, allerdings weniger aus religiösen Gründen. In der wuchtigen Mauer der Kathedrale befindet sich nämlich ein Restaurant, bei dessen Erwähnung meine georgischen Freunde glänzende Augen bekommen. Weniger weil es so exquisit ist oder das Angebot so reichhaltig - genauer gesagt stehen Chatschapuri und Limonade auf der Speisekarte - sondern eben wegen der Limonade. Es handelt sich um die legendäre Lagidze-Limonade, mit der seit ihrer Erfindung Ende des 19. Jahrhunderts Kindheitsträume verbunden sind und die für eine Weile aus dem Leben der Tbilisier verschwunden schien, nach dem das Stammgeschäft am Rustaveli geschlossen wurde. Die Basis der berühmten Limonade ist Sirup in leuchtenden Farben, der aus runden, spitz zulaufenden Behältern in Gläser gezapft und mit Mineralwasser aufgefüllt wird. Die Geschmacksrichtungen wie Schokolade, Sahne oder Estragon machen die Limonaden besonders exotisch - bisher kann man die so nicht von der Coca Cola Company erwerben. Obwohl ich zumindest der Estragon-Limonade, dem auch in anderen Ländern der ehemaligen Sowjeunion berühmten Tarhun, durchaus etwas abgewinnen kann (und zu Chatschapuri habe ich ja ohnehin neuerdings ein engeres Verhältnis), frage ich mich doch, ob das Benehmen der Bedienung auch zur Befriedigung der Nostalgie dienen soll oder darauf ausgerichtet ist, Touristen ihr "sowjetischer Service"-Klischee erfüllen soll. Mir vergeht der Appetit, wenn ich in einem leeren Lokal zehn Minuten warten muss, bis ich bestellen darf, und dann weitere zehn um ein Glas Limonade zu bekommen - zugegeben, quengelnde Babys machen ungeduldig.
Aber noch ein paar Worte und Bilder zu dem Viertel, das an dem streckenweise doch recht steilen Hang des Elias-Berges unterhalb der Sameba (und oberhalb des Präsidentenpalastes) liegt. Auch von der U-Bahnstation Avlabari geht es noch nach oben und je näher man der Kathedrale kommt desto leerer werden die Straßen. Unten noch quirliges Markttreiben, mit Läden, Imbissbuden und Straßenhändlernmit Obst und Gemüse, oben - nichts. Außer vielleicht ein paar Bettler, wie an allen Kirchen Georgiens,und ein paar kleine Stände mit Kerzen und Rosenkränzen. Was man in einer Kirche halt so braucht.  
In Avlabari lebten ursprünglich viele Armenier und manche betrachten es immer noch als Affront, dass das Symbol des Wiedererstarkens der georgischen Kirche ausgerechnet hierhin gesetzt wurde. Ich glaube gerne, dass die Mieten vor allem entlang er frisch renovierten Straßen ins unglaubliche gestiegen sind,und dass die steigende Zahl der Hotels und Pensionen ebenfalls zur Verdrängung der ursprünglichen Bewohner führt. Was ich nicht bestätigen kann, ist, dass überall Souvenir- und Devotionalienläden sind. Ich finde einen Laden mit Ikonen und Kerzen, zwei Souvenirläden mit T-Shirts und Schals und einen Weinladen, dessen Angebot sich preislich vermutlich eher an Ausländer richtet. Sonst scheint mir gerade das Ladenangebot noch stark auf Alltagsbedürfnisse ausgerichtet zu sein. Ob die anderen schon alle wieder pleite gemacht haben, weil die Ausländer doch nicht in Scharen in das georgische Nationalheiligtum strömen und die Georgier nicht so viel Geld ausgeben? Ich finde jedenfalls sonst nur die wenigen Straßenhändler, bei denen ich ein paar Kerzen kaufe, bevor sie vor dem aufziehenden Sturm endgültig kapitulieren (das Wetter war sicher ein Punkt, dass nicht viel los war.) 
Zum Anzünden der Kerzen in der Kathedrale komme ich dann aber nicht: Ich habe kein Kopftuch dabei und gerade können keine verliehen werden. Ok, soviel zur Ausrichtung auf Touristen.

(Jaja, die Fotos werden immer schlechter - schon mal versucht mit zappelndem Kind im Tragetuch zu fotografieren?!)

Rosenkränze im Wind.

Scherenschleifer und Bäcker. Die Tatsache, dass für das Brot auch auf Englisch geworben wird, ist ein (erstes?) Zeichen steigenden Tourismus in der Gegend.


Ich habe mich ja daran gewöhnt, dass es in Tbilisi von Jahr zu Jahr mehr türkische Geschäfte voller türkischer Produkte gibt, dass viele Fleischereien und Restaurants mit halal werben und man laut den Schildern am Eingang von Frisören dort auch türkisch sprechen kann - aber türkisches Brot? Wenn man nebenan frisches Tandirbrot
aus dem Lehmofen haben kann? Echt jetzt??

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