Es war einmal oder auch nicht ... - ein Märchen zum 20. Januar

Es war einmal ... so beginnen deutsche Märchen und der deutsche Erzähler gibt dem Zuhörenden das Gefühl, als wäre was er erzählt, ganz genauso passiert. Türkische Märchenerzähler sind vorsichtiger:  - vielleicht war es, vielleicht aber auch nicht, ich habe es selbst nicht gesehen. Ich schließe mich hiermit der türkischen Variante an:

Es war also einmal, vielleicht aber auch nicht, ich habe es selbst nicht gesehen, ein großes Reich. Im Norden lag das ewige Eis und im Süden wiegten sich Palmen an langen Stränden. Wenn im Westen des Reiches die Sonne aufging, war es im Osten schon später nachmittag. Im Süden dieses Reiches, vom Zentrum getrennt durch tiefe Wälder und breite Flüsse, hohe Berge und weite Wüsten, am Ufer eines Meeres lag eine Stadt. Es war eine reiche Stadt und ihre Bewohner waren glückliche Menschen. Alle hatten Arbeit und verdienten gut, und sie hatten genug Zeit, um an warmen Sommerabenden auf der Promenade am Meer spazieren zu gehen und mit ihren Nachbarn in den schattigen Höfen der Häuser Feste zu feiern.
In dieser Stadt lebte - wie es sich für ein Märchen gehört - eine Prinzessin. Natürlich war sie keine echte Prinzessin, denn in dem großen Reich waren alle Menschen gleich und Prinzen und Prinzessinnen waren schon lange abgeschafft. Aber sie war sehr schön und hatte eine wunderbare Stimme und vielen jungen Männern erschien sie wie eine Prinzessin. Wenn sie mit ihren Freundinnen am Meer spazieren ging, gab es viele, die sie auf ein Eis oder eine Limonade einladen wollten. Aber sie lachte über alle. Einer war etwas schüchtern und so groß, dass er immer etwas ungeschickt wirkte, aber er war der geduldigste aller Verehrer der Prinzessin und immer da, wenn sie jemanden brauchte. Und schließlich merkte die Prinzessin, dass sie den jungen Mann auch liebte. Sie feierten eine große Hochzeit, zu der sie alle Freunde und Nachbarn einluden. Alle freuten sich mit ihnen, nur manche der Alten wiegten bedenklich die Köpfe. Denn viel Blut war schon geflossen zwischen dem Volk der Prinzessin und ihres Prinzen und die Alten trauten dem Frieden nicht. Aber die Prinzessin und der Prinz und ihre Freunde waren jung und sie lachten über die Alten, denn sie lebten ja nun in einer neuen Zeit und in einer glücklichen Stadt, in der alle gleich waren und friedlich zusammenlebten. Auch die beiden lebten glücklich miteinander und bekamen zwei Kinder.
Dann zogen - fast unbemerkt von den Bewohnern der glücklichen Stadt - Wolken auf in den Bergen westlich von ihr. Und die Wolken begannen auch die Sonne über der glücklichen Stadt zu verdunkeln und es wurde kälter, und je dunkler und kälter es wurde, desto mehr erinnerten sich die Bewohner auch an die alten Kämpfe zwischen dem Volk der Prinzessin und des Prinzen. Menschen aus dem Volk des Prinzen, die in der Stadt die Macht hatten, griffen in den Straßen Menschen aus dem Volk der Prinzessin an und bespuckten sie. Nachbarn und Freunde kamen nicht mehr zu Besuch bei der Prinzessin und dem Prinzen, denn sie hatten Angst, man würde sie für ihre Freundschaft entweder mit dem Prinzen oder der Prinzessin angreifen. Die Prinzessin verlor ihre Arbeit und auch der Prinz wurde arbeitslos, weil er sich nicht von ihr trennen wollte, denn er liebte sie wie am ersten Tag.
Das Geld wurde knapp. Am schlimmsten war, dass die ältere Tochter krank wurde. Es war schwer, Medizin zu bekommen, denn die Unruhen hatten auch das Zentrum des großen Reiches erfasst, und nur noch wenig Waren kamen in die Städte und Regionen fernab vom Zentrum. Außerdem weigerten sich manche Ärzte, ein Kind, dessen Mutter nicht aus ihrem Volk kam, zu behandeln. Schließlich starb das Mädchen. Kurz darauf eskalierte die Gewalt und das Volk des Prinzen ermordete in einer Nacht viele aus dem Volk der Prinzessin, die in der glücklichen Stadt gelebt hatten. Die Familie der Prinzessin floh wie viele andere über das von Winterstürmen gepeitschte Meer aus der Stadt. Sie selbst, ihre Tochter und der Prinz blieben. Sie wussten, dass sie als Familie weder bei seinem noch bei ihrem Volk willkommen sein würden. Und sie wollte ihren Prinzen so wenig verlassen wie er sie. Also bleiben sie und hielten eng zusammen und warteten voller Angst, dass sich die Wolken verziehen würden.
Tatsächlich wurde es nach einigen Jahren wieder wärmer. Die Sonne kehrte zurück und die Bewohner der früher glücklichen Stadt fingen langsam wieder an, das Leben zu genießen, ohne ihre Nachbarn zu verfolgen. Man begann zu vergessen, was passiert war, weil man es vergessen wollte. Allerdings gab es auch kaum noch Nachbarn, die nicht aus dem Volk des Prinzen waren. Die wenigen, die die Prinzessin aus glücklichen Tagen kannten, taten, als würden sie sich nicht erinnern, dass sie sie für einige Jahre verraten hatten.
Wenn sie heute an den Sommerabenden auf der Promenade am Meer spazieren gehen, erzählen sie wieder von der glücklichen Stadt und den glücklichen Menschen, die es einmal gegeben hatte. Oder vielleicht auch nicht.


(Nein, das ist keine Zukunftsvision für ein westliches Reich, das heute einen neuen Präsidenten bekommen hat. Es beschriebt vielmehr das - und ist für meine alte Nachbarin und ihre Familie.)

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