Das verschwundene Luhansk

Schon mal von Luhansk (bzw. in der russischen Form Lugansk) gehört? Die meisten, die ich kenne, nicken etwas zögerlich. Ganz sicher weiß ich nicht, ob sie wirklich vage von Luhansk gehört haben, oder nur nicht zugeben wollen, dass sie keine Ahnung haben. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Als 2014 der Krieg in der Ukraine begann, war Luhansk auch in den deutschen Medien. Die Industriestadt und der dazugehörige Bezirk im Osten der Ukraine wurde damals unter der Führung eines ehemaligen Generals und Geschäftsmanns unabhängig erklärt  - oder erklärte sich unabhängig? wollte/musste seine Unabhängigkeit erklären, das klappte aber nicht, weil niemand sie anerkannte? - Die Sprachregelungen und -einschränkungen der verschiedenen Gruppen waren in meinen Recherchen fast das interessanteste. Ob es der Weltgemeinschaft, der ukrainischen Regierung oder den Einwohnern nun gefällt, seit April 2014 existiert nun die Volksrepublik Luhansk, deren Paraden, Nationalhymne und Kriegsschäden, man auf youtube bewundern kann. Anerkannt ist sie dennoch nur von Süd-Ossetien, selbst die anderen üblichen Verdächtigen der nicht anerkannten Republiken wie Karabach oder Abchasien halten sich hier vornehm zurück. Offenbar wollen nicht einmal sie mit den massiven Menschenrechtsverletzungen, die aus Luhansk berichtet werden, zu tun haben. Da geht es um praktisch nicht vorhandene Presse- und Versammlungsfreiheit, um Verfolgung, ja sogar um Lynchmorde an Kritikern, um immer wieder gebrochene Waffenstillstände zwischen der Volksrepublik und der Ukraine, um Korruption und miserable medizinische Versorgung. Kein Wunder, dass viele ehemalige Einwohner von Luhansk jetzt im Westen der Ukraine leben.

Was aber habe ich mit Luhansk zu tun? Was niemand - weder inner- noch außerhalb der Ukraine - zu wissen scheint, ist, dass es in Luhansk zwischen der Revolutionen, also zwischen der Orangenen Revolution 2004 und den Maidan-Protesten 2013/14, eine lebendige Kunstszene gab, die eigene Wege zur zeitgenössischen Kunst suchte. Man sprach Russisch und Ukrainisch und viele erinnern sich, das es überhaupt die erste Zeit war, in der man sich eher als Ukrainer als als Russe fühlte und man den Blick auch nach Westen richtete und sich kritisch mit dem sowjetischen Erbe auseinandersetzte.

Ich traf diese Künstler, oder zumindest einige von ihnen, vor anderthalb Jahren in Ivano-Frankivsk, wohin einige von ihnen aus Luhansk geflohen waren. Andere lebten in anderen Städten der Westukraine, manche in Westeuropa und einige sogar in Russland, was sich für mich etwas so anfühlte, als hätten sie sich auf der Flucht in der Richtung geirrt. Aber so einfach sind die Grenzlinien und Identitäten eben nicht. Man kann sich als Ukrainer fühlen und nach Moskau gehen, oder in Odessa Russe sein. 
Ich wurde schließlich Teil eines Projektes, ein virtuelles Museum ihrer Kunst zu schaffen, das nun endlich online ist (hier). Abgesehen vom Logo, das für mich aussieht, als wäre man wieder in der Sowjetunion gelandet, (eine Assoziation, die alle Deutschen, aber keiner der ukrainischen Partner nachvollziehen konnten), finde ich die gesammelten Events und Objekte, die präsentierten Künstler und alternativen Orte sehr spannend. Was mir, der Stadtbegeisterten, fehlt, ist die Verbindung von (post-)sowejetischer Industriestadt und dem gezeigten künstlerischen Schaffen. Aber vielleicht gab es die eben auch nicht und gerade das war das Problem, als 2013/14 eben nur ein Teil der Bevölkerung von Luhansk sich den Maidan-Protesten anschloss?
Auf jeden Fall interessieren mich Meinungen zum Virtuellen Museum "Luhansk. Arts & und Facts" - und nicht nur, weil ich mir für 2017 generell vorgenommen habe, mehr Kontakte über den Blog zu knüpfen.

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