Meer Stadt

Die britischen Zeitungen waren nach dem Brexit  voll mit Floskeln, die mir nicht nur sprachlich neu, sondern auch als Binnenländerin völlig unvertraut waren: Dass ein Lotse oder Steuermann von Bord geht, kenne ich gerade noch. Aber Premierminister, die das Schiff nur noch gerade halten, aber nicht mehr steuern können? Der Aufbruch in unbekannte Gewässer, für die man keine Karten hat, die aber möglicherweise große Entdeckungen und neue Größe versprechen, wenn man auf die Strudel achtet und die Anker klug setzt? Klarer Fall: Britannien war eine Seemacht, etwas, was ich zwar theoretisch wusste, aber nie so richtig realisiert habe. Grund, einen der wenigen Tage nach dem Workshop noch mit einem Ausflug in die Docklands zu verbringen. Als eines der weltweit bekanntesten Stadterneuerungsprojekte lohnt sich das sowieso mal und man kann es mit einem Themse-Schiff machen, muss sich also nicht mit Londoner U-Bahn rumschlagen (ehrlich: in all meinen üblichen Städten funktioniert der öffentliche Nahverkehr besser als in London. Zu einem Bruchteil des Preises. Vielleicht sind die wirklich nicht EU-fähig). 
Nachdem die Viertel östlich des Stadtzentrums jahrhundertelang mit ihren Docks und Handelskontoren das Geld für den Pracht der Innenstadt erwirtschaftet hatte, verfielen sie ab den 1960er Jahren, als die großen Hochseeschiffe nicht mehr so weit in die Themse hineinfahren konnten. Die ohnehin ärmlichen Viertel verfielen nun vollständig, bis sie in den 1980er Jahren in die Hände von Stadtplanern und Immobilienspekulanten fielen und ein völlig neues Viertel entstand. Geschäftsleute statt Seefahrer, Banken statt Kneipen und Bordellen. Wenn es noch Bewohner gab, dann sind sie heute ganz bestimmt nicht mehr hier.
Während die Isle of Dogs, auf der man zuerst landet, vollkommen neu angelegt wurde und nur aus den modernsten Hochhäusern (mehr oder weniger gelungen) besteht, besteht die Umgebung noch aus renovierten alten Speicherhäusern der unterschiedlichsten Größen mit Wohn- und Gewerbeflächen, Restaurants und Cafes. Informationen zu den hier früher ansässigen Docks und Handelshäusern gibt es auch, vor allem ist hier - in der Westindien-Ecke der Docklands von Rum und Zucker, manchmal von Stoffen die Rede. Das letzte Exportgut des berühmten Dreieckhandels wird nicht erwähnt: Sklaven. Das betraf ja die Docklands nicht, sondern spielte sich nur zwischen Afrika und Westindien ab? Oder mag der Kapitalismus drum herum keine Erwähnung seiner finanziellen Grundlagen? Von den möglichen Parallelen ganz zu schweigen? Die Geschichte der Docklands musste ich mir leider aus Reiseführern und dem Internet zusammensuchen, denn das viel gerühmte Museum war leider zu: Regenfälle, undichtes Dach, Stromausfall.In Kenntnis der Museen in Berlin-Dahlem kann ich leider nicht den ersten Stein werfen, aber trotzdem: Hätte man bei all der Renovierung da nicht auch besser arbeiten können?
Etwas weiter Themse abwärts liegt Greenwich, bekannt für dem Nullmeridian, der die Welt in eine östliche und eine westliche Hälfte teilt - auch eine Erfindung, die für die Eroberung der Weltmeere von größter Bedeutung war. Mich hat allerdings das imposante Royal Naval College am meisten beeindruckt - es passte gerade so gut in meiner Entdeckung von Großbritannien im Allgemeinen und seiner Seemacht im Besonderen. Dazu noch die Cutty Sark, der schnellste Teeklipper der Welt im späten 19. Jahrhundert, und meine maritime Begeisterung ist völlig gedeckt.
Ach ja: Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, sind mir nicht untergekommen. Dafür Briten, die irische Pässe beantragen.

(Bilder kommen noch. Aber wenn ich jetzt nicht auf "Abschicken" drücke, mach ich es nie. Und das wäre auch schade)

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