Ramadan und Genozid


Ich bin ein Idiot. Aber ehrlich: Man sollte doch meinen, dass in einer Gruppe türkischer und usbekischer Kollegen nicht ausgerechnet ich den Blick auf das islamische Jahr und seine Feierlichkeiten haben muss. Mir schwante erst Übles, als ich in meinem Berliner türkischen Supermarkt die Berge an getrockneten Datteln sah, die das Fastenbrechen einläuten. Und tatsächlich: die Türken sind überzeugte Kemalisten, die Usbeken noch sowjetisch geprägt und jetzt sitzen wir am Ramadan da und wollen Kundenumfragen auf ländlichen Wochenmärkten in der Westtürkei machen. Wird schon nicht so schlimm werden, hieß es. Wer fastet denn schon, sagte der ältere Professor. Viele, kommentierte eine Studentin im Hintergrund.
"Atatürk bis zum Schluss", Slogan, Bild und Unterschrift
bei einem Simitverkäufer in Tire
Nur Dörfler, hieß es. Blöd, dass gerade die unsere Zielgruppe sind. Letztendlich hatten wir mehr Glück als Planung, denn am zweiten Tag des Ramadan waren selbst die Marktbesucherinnen, die kiloweise Obst und Gemüse fürs Fastenbrechen abtransportierten noch halbwegs entspannt und interessiert an Filzprodukten aus Usbekistan, der Türkei und Deutschland. Außerdem sind wir hier auf ur-kemalistischen Boden, über die vielen Zeichen der Verehrung für den großen Laizisten rund um Izmir habe ich ja schon geschrieben. Allerdings widerspricht sich das nun auch nicht mit zumindest zeitweiligen Fasten. Trotzdem bin ich mal wieder genervt von den türkischen Kollegen und ihrer Haltung, nach der alle auch nur halbwegs gläubigen Muslime dumme Dörfler sind. Fällt ihnen gar nicht auf, dass dies keine Strategie ist, um Wahlen zu gewinnen? So blöd sind die "Dörfler" eben auch nicht, dass sie Menschen wählen, die sie immer wieder als Idioten bezeichnen.
Trotz Atatürk - gaaanz viel Datteln fürs Fastenbrechen

Ein gutes hat die Feindschaft zwischen den Kollegen und der türkischen Regierung aber: Es fiel bisher kein böses Wort über die Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch den deutschen Bundestag. Die selben Leute, die noch vor Monaten jeden Genozid leugneten, und empört erklärten, von keinem Deutschen würde man je erwarten, zu akzeptieren, dass seine  Großeltern Mörder gewesen seien (kann man sich gegenüber einem deutschen Kind der 1980er Jahre eine dämlichere Behauptung vorstellen?!), sind nun in der unangenehmem Situation, entweder der selben Meinung zu sein wie ihre verhasste Regierung, oder zumindest mir gegenüber doch den Genozid nicht mehr leugnen zu dürfen. Ich habe da kein Mitleid.

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