Normale Zeiten und neue Konflikte

Ich hatte mich schon gefragt, ob die britischen Kollegen keine andere Wahl hatten, oder ob sie eine besonderen Sinn für Humor haben, als sie den Workshop zu "Normale Zeiten und ihre Konflikte (im Südkaukasus)" auf den Tag nach der Brexit-Abstimmung legten. Am Abend zuvor konnte sie über die Frage auch noch lachen. Angespannt zwar, aber doch in der Sicherheit, dass man zwar noch einen langen Weg vor sich haben würde, um all die EU-Gegner im Land zu versöhnen, aber doch auch sicher, dass man dennoch bleiben würde. Am nächsten Morgen war ihnen der Sinn für Humor vergangen. Uns anderen auch.
Immer wieder zog ein seltsames Schweigen, ein sich halb lachend, halb verzweifelt ansehen, durch den Raum, wenn es um Konflikte zwischen den Generationen in Aserbaidschan und Armenien ging, um Politikverdrossenheit und Verzweifeln an der Demokratie und ihren Möglichkeiten, um Kapitalismus und die Grenzen des Sozialstaats und nicht zuletzt immer wieder um das Gefühl, dass etwas, was man für sicher und selbstverständlich gehalten hat, auf einmal verschwindet und etwas Neues kommt, das man nie für möglich gehalten hat - oder nicht für möglich halten wollte. Was wenn das Ende der Sowjetunion und das Erstarken des Nationalismus in der Region nicht nur ein akademisches Thema ist, das man nach Osten abschieben kann, sondern schon der Vorbote von etwas war, was jetzt auch die EU gefährdet? Nein, natürlich kann man die Sowjetunion und die EU nicht vergleichen. Aber die Dynamiken, die sich entwickeln, wenn eine politische Situation, von der letztendlich doch sowohl Befürworter als auch Kritiker ausgingen, dass sie allenfalls verändert wird, nicht aber sich in Luft auflöst, genau das tut? Was tritt dann an die Stelle? Und wer profitiert davon? In welcher Weise? Wir versuchen immer noch zu verstehen, was seit fünfundzwanzig Jahren im Südkaukasus passiert. Wir haben keine Ahnung, was gerade vor unserer Haustür passiert. 

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