Izmir Notizen

Zwei kurze Tage in Izmir, die wegen der Hitze fast schon zu viel waren. Die beste Lösung war noch Schiffchenfahren auf der Meerenge, an der Izmir liegt. Nicht der Bosporus, aber um etwas frischen Wind zu bekommen langte es. Und um festzustellen, dass die Stadt trotz ihrer Lage schon beunruhigend hässlich ist. Ich war auf der Recherche nach Städten mit multiethnischer Vergangenheit, die heute aber ethnisch und religiöse sehr einheitlich sind, auf das Izmir des 19. Jahrhunderts gestoßen und habe dabei auch ein paar schöne Bilder der damaligen Hafenpromenade gefunden. Davon ist nach der Zerstörung der Stadt durch die türkisch-republikanischen Truppen am 9. September 1922 nichts mehr zu sehen. Damals fielen große Teile der Stadt (und im übrigen auch ihrer christlich-griechisch-armenischen Einwohner) einem Großbrand zum Opfer.
Der 9. September wurde in der Türkei lange als Feiertag, als einer der entscheidenden Siege auf dem Weg zur Unabhängigkeit und zur neuen türkischen Republik, gefeiert. Die verbesserten Beziehungen zu Griechenland haben die Feierlichkeiten in den letzten Jahren leiser werden lassen, aber in Izmir ist immer noch viel nach dem entscheidenden Datum benannt - unter anderem ein Eingang zu dem Kultur- und Messepark, der auf einem der zerstörten Innenstadtviertel angelegt wurde.

Das dritte von links oben ist ein typisches Bild des alten Smyrna.
Nicht gut zu erkennen, aber dafür wieder mal meine Lieblingsquelle:
Bauzaun.

Nein, schöner ist es wirklich nicht geworden
  
Außerdem habe ich die Entdeckung gemacht, dass die Basare von Izmir am Sonntag völlig tot sind. Kein Geschäft und kaum ein Restaurant waren offen. Das kenne ich aus Istanbul so nicht. Erst dachte ich, der Ramadan habe doch zugeschlagen, aber da am Montag das Leben normal weiterging, kann es das nicht gewesen sein. Sonntagsruhe in einer türkischen Großstadt? Sollte doch etwas dran sein, an dem, was mir die beiden Kolleginnen aus der Region erzählt haben, dass sie nämlich eigentlich Griechen wären? Wobei "Griechen" hier heißt. dass ihre (Ur-)Großeltern Türken waren, die aus 1922 im Rahmen des Bevölkerungsaustauschs (netter Euphemismus für die Deportationen der Griechen aus der Türkei und der Türken aus Griechenland) in die ehemaligen griechischen Gebiete gebracht wurden. Diese "Griechen" scheinen eine besondere Begeisterung für Atatürk zu haben, was angesichts der Tatsache, dass er maßgeblich an ihrer Vertreibung aus ihren jahrhundertelang bewohnten Dörfern beteiligt war, schon etwas erstaunlich ist. In Izmir merkt man die Vergangenheit als nicht-muslimische Stadt schon deutlich: Es gibt verhältnismäßig wenig Moscheen (allerdings auch keine deutlichen Kirchen mehr) und der Ramadan wird offensichtlich weitgehend ignoriert. Ich sehe kaum Plakate, die einen schönen Ramadan wünschen, keine Ankündigungen von öffentlichen Festen zum Fastenbrechen, keine langen Tische in den Straßen oder an der Promenade, wo Menschen nach Sonnenuntergang zusammen feiern. Schon ein sehr anderes Bild als vor zwei Jahren in Istanbul, wo man den Feiern nicht entgehen konnte. Nur ein paar Familien in deutlich dörflicher Tracht picknicken in der Dämmerung auf den Rasenflächen am Meer.
Arabisch höre ich wesentlich seltener als noch im Herbst und auch die Zahl der bettelnden Flüchtlingsfamilien hat sich sichtlich reduziert. Zufall? Oder doch die Auswirkungen des Flüchtlingsabkommens? Und wo sind die Menschen dann? In Deutschland schon mal nicht, denn die paar, die jetzt legal kommen, sind ja schon lächerlich wenig.

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