Kazbegi touristisch

Dramatische Wolken über dem Kazbeg

Nach dem ersten sehr individuellen Tag in Kazbegi (das übrigens im unabhängigen Georgien wieder in  Stepantsminda - St. Stefan, umbenannt wurde, was bei der Bevölkerung noch nicht angekommen ist) habe ich auch noch das obligatorische Touristenprogramm hinter mich gebracht. Tatsächlich: Es gibt ein obligatorisches Touristenprogramm wie es auch sehr viele Touristen gibt. Der Ort am Ende der Georgischen Heerstraße von Tbilisi nach Wladikavkas ist ein beliebtes Ziel für Biker, motorisiert und unmotorisiert. "Touristenprogramm" ist bei mir das, was kein Zweirad beinhaltet.
Hotelterrasse mit Bergpanorama-Spiegelung
Erstens, das Luxushotel am Berg mit Kazbeg-Blick. Man muss nicht drin wohnen, um bei einem überteuerten Kaffee den Blick und gleichzeitig das un-georgischste Ambiente zu genießen, das ich trotz vieler alternativer Cafés in Tbilisi bisher gesehen habe. Leider war der Kazbeg, der mit über 5000 Metern der höchste Berg Ost-Georgiens weitgehend in den Wolken, so dass ich nicht sehen konnte, ob wirklich irgendwo da oben Prometheus angekettet ist. Laut Mythologie sollte er eigentlich. Adler allerdings habe ich einige gesehen. Immerhin. Laut meiner Freunde ernähren sie sich aber eher von Jungtieren örtlicher Bauern als von Lebern mythischer Revolutionäre.

Der große Dichter in Öl
Der zweite Punkt ist das Museum, das dem Namensgeber des Ortes, dem Dichter Alexander Kazbegi, gewidmet ist. Seine Familie war offensichtlich reich und ihr Reichtum beruhte auf Zolleinnahmen entlang der Georgischen Heerstraße. Als eine der wichtigsten Passstraßen über den Kaukasus war das sicher schon im 18. Jahrhundert eine ganz gute Einnahmequelle und das Museum, das auch das Haus seiner Familie war, zeugt davon. Wie immer juckt es mich in den Fingern, schnell ein paar Verbesserungen vorzunehmen, allein schon mit gerade geklebten Schildchen und etwas Englisch-Editing könnte man in diesem Museum einiges verbessern. Von einer besseren Einbindung lokaler Geschichte ganz zu schweigen. Auch für ausländische Touristen wäre die Geschichte von Kazbegis Held Koba, dem Robin Hood des Kaukasus, spannend (Koba? Koba?? Klingelt da was? Ein gewisser Bankräuber und Raffenerie-Niederbrenner?)
Zur berühmten Kirche über dem Ort habe ich es nicht geschafft, das überlasse ich den Sportlern. Außerdem hatte ich das Gefühl, genug Kirche für die nächste Zeit gehabt zu haben.

Ansonsten ist Kazbegi ein entspanntes Kaukasusbergdorf mit Kühen und Schafen auf den Straßen und großen Gärten um die Häuser. Nur die verfallenden Sowjetbauten verraten, dass es hier schon lange einen Massentourismus gibt.
Auch das war wohl mal ein Hotel

Die Rückfahrt auf der Heerstraße (die übrigens erstaunlich gut gepflegt ist - oder auch nicht erstaunlich, schließlich geht ein nicht unerheblicher Teil der Russland-Kaukasus-Handelsroute darüber) war erwartungsgemäß eindrucksvoll. Allerdings auch mit einer Erkenntnis: Man ist zu lange im Kaukasus, wenn man betrunkene, randalierende Tschetschenen in Haarnadel-Kurven nicht mehr spannendes Lokalkolorit sondern nur noch anstrengend findet. Der Vorteil war, dass wir mehrere Rauchpausen machten, um die beiden zu beruhigen - eine resolute Georgierin hatte das Rauchen im Bus mit einem geschickten Entwenden des Feuerzeugs und seiner Entsorgung aus dem Fenster unterbunden.

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