Irgendwann. Nicht jetzt.

Vor gut einem Jahr saß ich mit einer Gruppe Neo-Marxisten in einem Bakuer Café und am Ende eines längeren Gesprächs über die den Marxismus im Allgemeinen und der Situation Aserbaischans in der Ölkrise im Besonderen, fragte der eine: "Und was passiert wenn, die wirtschaftliche Situation nicht besser wird - machen wir Revolution oder überfallen wir Armenien?" Als Marxist fand er meine Einschätzung, eher würde man wohl Armenien überfallen, unbefriedigend.
Aber obwohl ich immer pessimistisch war, was die Friedensbemühungen in der Region angeht, so habe ich mich doch - wie wohl die meisten Aserbaidschaner und Armenier auch - mit dem brüchigen Waffenstillstand arrangiert und ihn für mich als Frieden wahrgenommen, der nur immer mal wieder durch kleinere Scharmützel an der Waffenstillstandlinie unterbrochen wurde. Ziemlich großen Scharmützeln für einen Waffenstillstand, aber doch keine wirkliche Bedrohung für den prekären Frieden. So habe ich mir auch nicht viel gedacht, als ich die ersten Nachrichten von den neusten Zwischenfällen an der Waffenstillstandslinie las (und nein - ich habe keine Ahnung, wer jetzt schon wieder angefangen hat. Ist auch völlig egal.). Ein aserbaidschanischer Hubschrauber abgeschossen? Nicht schön, aber ist schon öfter passiert. Armenische Zivilisten getötet? Furchtbar, aber leider auch nicht so ungewöhnlich. Dann fingen die armenischen Freunde und Kollegen an, sich mit Hassposts bei Facebook zu melden und regelmäßig neue Statistiken der Toten auf der anderen Seite zu melden (letzte stolze Zahl, Abend 2. April: 200 tote aserbaidschanische Soldaten bzw. "Feinde"). Eigene Opfer hat es nicht gegeben, man feierte "Siege". Und mir wurde immer schlechter.
Die Freunde, von denen ich weiß, dass sie anders denken, halten sich zurück. Für Friedensmahner sind es schlechte Zeiten. Schlechter noch als sonst.
Auch die aserbaidschanischen Freunde halten sich noch zurück. Ein paar Artikel, in denen Russland für seine Haltung im ganzen Konflikt angegriffen wird und Putin, der jetzt zum Frieden mahnt, als Heuchler bezeichnet wird. Ein paar, die um Frieden beten, und von denen ich bis heute nicht wusste, dass sie in irgendeiner Weise religiös wären. Vielleicht hat mich das am meisten erschreckt. Am meisten glauben lassen, dass es ernst sein könnte und nicht nur das übliche Säbelgerassel. (Übrigens glaube ich nicht, dass Aserbaidschaner grundsätzlich friedfertiger wären als Armenier. Es bestätigt nur meine Theorie, dass - obwohl sie nominell Sieger waren - für Armenier die "Wunde Karabach" präsenter ist als für meine Bakuer Freunde, die das nie besonders interessiert hat. Und aserbaidschanische IDPs kenne ich ehrlich gesagt zu wenige. Oder ich bin einfach nur noch vorsichtiger bei der Auswahl meiner aserbaidschanischen Freunde als bei der der armenischen. Kann auch sein. Hat durchaus auch Gründe)
Irgendwann wird es Krieg geben. So sagen die meisten um mich herum, weil keiner eine andere Lösung weiß. Irgendwann. Aber nicht heute. Bitte nicht heute.

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