Gotische Moscheen


Mit gotischen Rosen hatten sie es wohl nicht so, die Osmanen.
Manchmal ist es nett, irgendwo zu landen und eigentlich keine Ahnung von seiner Umgebung zu haben. Normalerweise reise ich ja nicht im normalen Sinn, sondern bewege mich auf recht eingefahrenen Bahnen durch die Welt. Diesmal hatte ich keine Ahnung, wo ich landen würde. Ich dachte allerdings, mit etwas Antike-Kenntnissen und Grundlagen des Zypernkonflikts wäre ich gut vorbereitet. Ich hatte die Rechnung ohne das europäische Mittelalter gemacht. Offen gestanden passiert mir das westlich von Istanbul ziemlich oft, dass ich ein Zeitloch zwischen Spätantike und der französischen Revolution feststellen muss. Aber östlich bin ich normalerweise ziemlich sicher. Nicht in Zypern.
Denn nZypern war Kreuzrittergebiet. Ideal gelegen zwischen türkischer und syrisch-libanesischer Küste war es der perfekte Ort für Rückzüge und Angriffspläne. Später behielten die Venezianer hier einen Handelsstützpunkt, der erst 1570 von den Osmanen erobert wurde (mit der Flotte hatten die es wirklich nicht so.) Die Folgen sind, dass Zypern europäische Burgen und gotischen Kathedralen hat. Die Hochgotik blühte hier offensichtlich mit aufstrebenden Säulen und Spitzbögen, feinem Steindekor und Maßwerk (als Steinmetz hätte ich auch lieber hier gearbeitet als im deutschen Nebel!).
Dann kam die muslimische Eroberung und die Kathedralen wurden zu Moscheen.
Das Ergebnis? Gotik meets Islam. 
Chor und Kalligraphie
Das erste Beispiel für diese Kulturmischung, das ich treffe ist die ehemalige St. Sophia - Kathedrale im türkischen Teil von Nicosia. Ja, man kann in eine gotische Kathedrale eine Moschee einbauen. Ich gebe ja zu, dass ich da meine Zweifel hatte. Eine so streng auf den Altar und den Priester ausgerichtete gotische Kathedrale und eine doch eher auf das individuelle Gebet und die Gemeinschaft ausgerichtete Moschee, passte für mich nicht so ganz zusammen. Ich bin in punkto Moscheen eben sehr von Sinan und seinen zentrierten Räumen geprägt. Für die Muslime war vermutlich das größte Problem die fehlende Ausrichtung nach Mekka: der Chor, auf den der ganze Raum zu läuft, geht eben nicht nach Mekka. Deshalb wurden in jede Seitenkapelle ein Mihrab eingebaut und der Teppich mit den Reihen für die Beter entsprechend darauf ausgerichtet. Alles ein bisschen schief, aber durchaus reizvoll.
Im ebenfalls gotischen Kreuzgang neben Santa Sophia wirbeln jetzt tanzende Derwische für Touristen. 

Sogar der Bildschmuck am Hauptportal von St.Sophia hat 
die Umwandlung zur Moschee überstanden
Ist das der Alptraum all derer, die bei den letzten Landtagswahlen für die zweistelligen AfD-Prozente gesorgt haben? Vermutlich. Ganz kann ich ihm nicht folgen. Ja, ich möchte auch, dass das Freiburger Münster so bleibt, wie es ist (obwohl es mit etwas weißer Farbe im Innern doch auch nicht schlecht aussehen würde. So ist es schon sehr dunkel.) Dennoch: Menschen und Religionen verschieben und mischen sich eben. Tempeln werden Kirchen, Kirchen Moscheen, Moscheen zu Lagerhallen oder zerstört, Kirchen bisweilen auch, dafür ziehen neue Religionen in alte Lagerhallen und Industriegebiete. Keine Evolution, aber die Menschen werden ja auch nicht klüger oder gar besser.
Zypern nun den - ja, wem eigentlich? Griechen, Venezianern, Franken, Türken, Briten? Die Grenze durch Nikosia zeigt vor allem eins: Die Sache mit den Nationalstaaten seit dem 19. Jahrhundert war einfach eine richtig dämliche Idee. Und wie viele richtig dämliche Ideen scheint sie eine Menge Menschen anzuziehen.

Noch mal zurück zur Gotik: Besonders schön ist sie auch noch in Famagusta, ebenfalls im türkischen Teil. Schon mal von Famagusta gehört? Großer Boden hoher Literatur, denn hier soll Othello gespielt haben. Ehrlich, ich hatte den "Mohr von Venedig" doch immer eher an den Canale Grande oder notfalls ins Venezianische Umland verlegt, auf 80 Kilometer südlich von Antalya und hundert Kilometer westlich von Beirut wäre ich nie gekommen. Aber Venedigs Vorgarten war eben mal das ganze östliche Mittelmeer (so viel noch mal zum Aufstieg und Verfall von Reichen...) Hier nun wieder alte Stadtanlage mit eindrucksvoller Befestigung, eine gotische Moschee, gleich drei verfalllene weitere gotische Kirchen und eine extrem eindrucksvolle Konditorerei. Nur leider kein Meer. Famagusta ist eine Hafenstadt, aber eben auch eine, die gebaut wurde, als Piraten und andere feindliche Seefahrernationen das Meer als Aufmarschgebiet nutzten. Entsprechend hoch sind die Mauern, die die Stadt zum Meer abriegeln. Ob sie sie jetzt eines Tages für den Tourismus schleifen? Für ein paar nette Cafés und eine Promenade am Meer? Wenn gotische Kathedralen zu Moscheen werden - warum nicht?
Kathedrale mit Minarett in Famagusta


Die Mauern von Famagusta
 
Der venezianische Löwe ist etwas verwittert, aber noch erkennbar


Bellapais, die Abtei mit dem traumhaften Blick über die Bucht von Kyrene / Girne

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