Geteilte Hauptstadt

Frommer Wunsch im griechischen Teil


Nein, diesmal kein West-Berlin-Nostalgie-Post, sondern ein Bericht aus der tatsächlich noch letzten geteilten Hauptstadt der Welt: Nikosia/ Levkosia/ Lefkoşa, Zypern. Nikosia ist dabei offensichtlich der Name, den die Kreuzritter der Stadt gaben, Levkosia die griechische Variante und Lefkoşa die türkische. Damit ist schon einiges über die Geschichte und die bis heute bestehenden Probleme der Stadt gesagt. Die 1974 gezogene Grenze von Nord- nach Südzypern verläuft genau durch die Stadt, was besonders eindrucksvoll ist, weil es sich um eine mittelalterliche Stadt mit einem perfekt ebenmäßigen, kreisrunden Grundriss mit vorgespringenden Bastionen handelt. Und das nun gerecht in der Mitte in einen nördlichen und einen südlichen Teil geteilt. Beide Teile sind Hauptstädte: Der südliche die der Republik Zypern, der nördliche die der Türkischen Republik Nordzypern, die von keinem anderen Staat der Welt anerkannt ist (ich habe einen Hang zu solchen Ländern, schon gemerkt?)
Anschluss ans griechische "Mutterland" wird hier gefordert
Jahrelang gab es praktisch keinen Kontakt zwischen den beiden Teilen und Nordzypern war fast perfekt isoliert - obwohl es zur Zeit der Spaltung den größeren internationalen Flughafen hatte. Inzwischen ist der Übergang verhältnismäßig unkompliziert: Pass vorzeigen, durchgewunken werden. Das ist sehr praktisch, denn das Hotel ist im griechischen Teil, das meiste, was mich interessiert (und der bessere Tee, vom Sütlac ganz zu schweigen!) sind im türkischen Teil. So selbstverständlich die Bewohner gerade am Wochenende am Innenstadt Checkpoint hin und her zu wechseln scheinen, so kompliziert ist das ganze noch auf Stadtplänen, die grundsätzlich immer nur eine Hälfte der Stadt anzeigen. Auch die Tatsache, dass man im griechischen Teil mit Euro, im türkischen mit Lira bezahlt, macht die Sache etwas unübersichtlich. Theoretisch kann man auch Taxen von einem Teil in den anderen nehmen, aber dann muss man damit rechnen, dass der Fahrer ewig herumkurvt, da er den anderen Teil ja nicht kennt.

Eine der Fragen, die mich ja immer wieder beschäftigt, ist ja, wie willkürlich gezogene politische Grenzen das "dort" und "hier" voneinander trennen. In einer Stadt, die so eindeutig nach Jahrhunderten Wachstums als eine Einheit innerhalb der Mauern zerteilt wurde, ist das besonders spannend. Können 40 Jahre getrennte Wege wirklich so viel gegenüber fast tausend Jahren gemeinsamer Stadtentwicklung ausmachen? Ja, sie können. 
Auch wenn es mir schwerfällt, zu erklären woran es liegt. Atatürk-Stauen auf der einen und griechisches Alphabet auf der anderen machen ja noch keinen Gesamt-Stadteindruck. 
 Das Viertel etwas außerhalb der Mauern, in dem meine Pension liegt, lässt Kindheitserinnerungen an griechische Inseln aufleben, auch wenn die Architektur erstmal uninteressant gleichförmig mit Neubauvillen hinter weißen Mauern ist. Aber dann doch hier und da ein Mosaik, ein besonders gestalteter Garten mit Blumen in alten Olienölkanistern, ein paar ionische Kapitele an einer Veranda. Innerhalb der Mauern dann eine Altstadt mit Häusern zwischen britischer Kolonialzeit und gesichtslosen Fassaden um 1970, mittelalterlich ist hier fast gar nichts mehr. Dafür merkt man Jahre des Tourismus am Angebot  globaler Ketten in der Haupteinkaufsstraße.

Im türkischen Teil dann nur wenige Schritte hinter dem Checkpoint, wo sich Restaurants sammeln, auf einmal das Gefühl, in einem untouristischen Teil Istanbuls gelandet zu sein - und vielleicht noch ein paar Jahre zurück. So viele Wassertankautos habe ich seit Jahren nicht mehr in der Türkei gesehen und selbst Gasflaschen zum Kochen und Heizen scheinen hier noch üblich zu sein. Ansonsten Schmuck- und Handyläden, kleinere Restaurants und Teegärten. Der Tourismus ist hier noch nicht lange angekommen, nur um die große Moschee drängen sich ein ein paar Andenkenläden und Restaurants. Dafür sind viele der kleinen Häuser fast verfallen. Sie gehören Griechen, die nach 1874 geflohen sind, aber offensichtlich möchte kein Türke riskieren, sie zu renovieren, um sein Heim dann bei einer eventuellen Wiedervereinigung zu verlieren.  

Aktivitäten, die Stadt zu sanieren und vor allem für den Tourismus (vielleicht auch ein bisschen für die Bewohner, aber das ist vermutlich zweitrangig) attraktiver zu machen, gibt es auf beiden Seiten. Noch gefällt mir die Tatsache, dass große Teile einfach Wohnbezirke sind. Mal sehen, wie lange das noch so geht. 

Ach ja: Armenier gibt es hier im Übrigen auch. Offensichtlich auf beiden Seiten. Und sie sagen Nikosia zu der Stadt. Dazu vielleicht später mehr.

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