Von Aleppo nach Jerewan


Aleppo Shopping Center im U-Bahnhof Platz der Republik.
Ein paar Läden mit Kosmetik, Gewürzen und dem wunderbaren Geruch von Kaffee mit Kardamon.

Was macht frau, wenn die Traumata der Vergangenheit und die feministischen Träume der Gegenwart zu anstrengend werden und sie eine Pause braucht? Richtig, sie geht zum Friseur. Eigentlich wollte ich ja nur mit einem Armenier aus Syrien sprechen. Ich höre hier so viel über diese Flüchtlinge, die nicht als Flüchtlinge gesehen werden wollen (oder sollen?), da sie ja ins Heimatland gekommen sind, die aber trotzdem nicht so richtig dazuzugehören scheinen. Eine klare Trennung zwischen "uns", der Armenien-Armeniern, zu denen meine Freunde gehören, und "denen" aus Syrien. "Die" haben die Essenslage in der Innenstadt für "uns" mit ihren Imbissbuden verbessert. "Die" sprechen "unsere" Sprache nicht so richtig, gehören aber zu "uns". "Die" könnten "unser" demographisches Problem lösen, haben aber die Tendenz, sich schleunigst nach Europa abzusetzen.Irgendwann hatte ich es satt, immer nur von "denen" zu hören, aber nie mit einem persönlich.
Meine Freundin, der ich das erzählte, musterte mich kritisch und empfahl einen Besuch bei ihrem Frisör. Der käme aus Aleppo, würde gerne reden und - hm, direkt schaden könne es eigentlich nicht. Da schon der Herr an der Passkontrolle in Berlin angedeutet hatte, dass mein Passbild besser aus sah als meine aktuelle Nicht-Frisur schien mir die Idee gar nicht so blöd.
Also fand ich mich am Freitag morgen in einer umgebauten Garage an einer der für Fußgänger ungemütlichsten Straßen von Jerewan wieder. Laufkundschaft kann Meister Sarkis nicht erwarten, aber da sein Salon nur zwei Plätze umfasst, ist er mit Arbeit auch so genug eingedeckt. Trotzdem ein ziemlicher Abstieg für jemanden, der (nach seinen Erzählungen) in Aleppo einen Salon mit fünfzehn Plätzen und acht (Teilzeit-) Angestellten hatte. Anfang 2013 bestanden seine Eltern darauf, Syrien zu verlassen. Er wäre geblieben, ganz kann er sich bis heute nicht vorstellen, was er eigentlich alles zurückgelassen hat und wie er es geschafft hat, Abschied zu nehmen. Aber als braver Sohn gehorchte er den Eltern, packte sie, seine Frau und Kinder zusammen mit seinen besten Scheren ins Auto und kam nach Jerewan, wie so viele der ursprünglich 30.000 Menschen umfassenden armenischen Gemeinde in Aleppo. Von den 17.000, die in den letzten Jahren nach Armenien gekommen sind, sind aber nicht einmal ein Drittel geblieben. Mangelnde finanzielle und praktische Unterstützung durch den Staat haben für viele Europa attraktiver werden lassen.
100.000 Armenier sollen mindestens in Syrien gelebt haben und Aleppo war die größte Gemeinde mit Kirchen, Vereinen und eigenen Schulen, in denen Armenisch gelernt wurde. Mein Frisör allerdings war auf einer arabischen Schule und hat Armenisch nur in der Kirche gelernt, denn zuhause wurde Türkisch gesprochen. Ja, Türkisch, denn die Familie war vor dem Genozid nach Aleppo geflohen und hatte an ihren osmanischen Wurzeln festgehalten. Kommunikation auf Türkisch klappte zwischen uns trotzdem nicht, denn zwischen dem Türkisch, das ich um 2000 gelernt habe und seinem auf dem Stand von 1915 liegen mehrere Sprachreformen.
Kontakt hat er noch nach Syrien - zu armenischen wie arabischen Freunden, um die er sich gleichermaßen sorgt. "In Aleppo kann niemand mehr leben, und doch können viele es nicht aufgeben", sagt er. "Und wo sollen sie auch hin?" In Armenien sind wenn überhaupt nur Armenier willkommen, Mischehen und ihre Kinder haben es hier schwer (er ist der einzige, der überhaupt von solchen Ehen spricht - bei allen anderen höre ich nur, dass es sowas gar nicht gäbe). Die Türkei sei überfüllt und habe außerdem immer die Angst vor einem neuen Genozid im Hintergrund. Und Europa? Da hätte er ja nicht mal eine Garage zum Friseursalon umbauen dürfen. Also bleibt er hier und überlegt, ob er zurückgehen würde, wenn es möglich wäre - nur um sich dann selbst wieder zu erinnern: "Ein Zurück gibt es nicht mehr."

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