Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

 
Jetzt habe ich doch die Übersetzung des Slogans vergessen. Irgendetwas wie "Schweigen tötet"

Ehrlich, ich hätte mir auch einen griffigeren Titel für diesen Eintraggewünscht, aber der 25. November heißt nun einmal so. Generell geht es um jede Form von Gewalt, wobei häufig häusliche Gewalt im Mittelpunkt steht. So auch in Armenien. Heute fand tatsächlich eine Demonstraton von Frauen (und auch einigen Männern) statt, die das Thema in die Öffentlichkeit bringen wollten. Viele waren es nicht - 60 bis 80 vielleicht, aber es war auch eine denkbar ungünstige Zeit. Zwölf Uhr mittags können die meisten meiner Freundinnen hier bei allem Interesse nicht mal in die Mittagspause quetschen. Doch die, die es irgendwie schafft haben, waren laut und auffallend, mit roten Umhängen, die auch intern heftig diskutiert wurden. Ist es albern, in der Farbe des Blutes rumzulaufen? Oder bekommt man so wenigstens Aufmerksamkeit? Fühlt sich mehr als Teil eines großen Ganzen? Meine Freundin übersetzte, dass einige Männer am Straßenrand lautstark überlegten, ob die Frauen damit attraktiver aussehen wollten. Klar - auf was sollte eine Frau bei der Wahl ihrer Kleidung sonst achten?!
Interessant waren die Reaktionen gerade alter Frauen am Straßenrand: Viel aufmunterndes Lächeln, viel Winken. Interessant, ich hätte eher auf Kopfschütteln, Weggucken getippt. Aber wenn es stimmt, dass zwei Drittel aller Armenierinnen zumindest einmal im Leben häusliche Gewalt erfahren, ist es auch wieder nicht mehr so unwahrscheinlich, dass sie zumindest im späteren Leben froh sind,d ass irgendjemand das Schweigen für ihre Töchter und Enkelinnen bricht. denn gerade das Schweigen der Frauen ist es ja, was den Kampf gegen häusliche Gewalt zu schwer macht. Von sexueller Gewalt in der Ehe als ganz großem Tabu gar nicht zu reden.
Wie groß das Problem ist, wurde mir anschließend in einer sehr beeindruckenden Fotoausstellung klar, in der misshandelte Frauen sehr einfühlsam in ihren jeweiligen Lebensumständen nach dem Ausbruch aus der Gewaltbeziehung porträtiert wurden. Hier wurde auch noch mal deutlich, wie stark die gesamte Schwiegerfamilie an der Gewalt beteiligt ist. Oft wohnen die Frischverheirateten ja mit den Schwiegereltern unter einem Dach und gerade die Schwiegermütter sind für einen großen Teil der physischen und psychischen Gewalt verantwortlich. Die Flucht aus der Schwiegerfamilie ist oft der Schritt in die komplette Armut, denn selbst wenn sie will, hat die Herkunftsfamilie oft nicht die Möglichkeit, Tochter und womöglich mehrere Kinder zu unterstützen. 

Mehr die Vorstellung von Kampf bei meinen Gesprächspartnerinnen
Den Rest des Tages verbrachten wir im Gespräch im diversen jungen Feministinnen, von denen viele die Demonstration eher kritisch sahen. Es war ihnen zu konventionell, zu langweilig, zu sehr auf ein Symptom des Patriarchats bezogen. Sie wollen größere Veränderungen als nur Hilfstelefone und Frauenhäuser. Die Abschaffung der Einteilung der Menschheit in Männer und Frauen, die Akzeptanz aller nicht-biologischen Familienformen, überhaupt die Freiheit, zu leben mit wem und wie man möchte. Die Diskrepanz zur Realität in einem Land, in dem alleinstehende Frauen nicht einmal eine Wohnung mieten können, ohne gesellschaftlich ins Aus zu kommen und das unter den führenden Ländern bei der Abtreibung von Mädchen ist. Aber wer, wenn nicht diese Träumerinenn soll daran etwas ändern?
Ich persönlich wäre im Moment schon froh, wenn ich nicht im sechsten Stock mit einem sexistischen Aufzug leben müsste Das Ding ist tatsächlich so eingestellt, dass es die durchschnittliche schwere Frau alleine ignoriert und sich von ihr nicht in Bewegung setzen lässt. Nur zwei Frauen oder eben ein Durchschnittsmann werden als zu befördernde Last erkannt. Alltagssexismus auf Armenisch.

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