Festgefahren

Das Genozid-Blümchen. Die Mitte symbolisiert das Denkmal.
"Nein. Also mach was du willst. Aber nein. Ohne mich." Meine armenische Freundin A. verschränkt die Arme. Ganz klar: Nichts, aber auch gar nichts, wird sie dazu bringen, mich ins Genozid-Museum in Jerewan zu begleiten. Dabei hatte mir eine andere Freundin gerade noch erzählt, dass es völlig neu gestaltet sein, und ich es unbedingt sehen müsse. Aber A. ist nicht zu überzeugen: Sie hat in ihrem Leben zu viel vom Genozid gehört, danke, es reicht. Die Vermarktung in diesem Frühjahr zum 100. Jahrestag hätte ihr noch den Rest gegeben. Die lila Blume, die jeden Laden und viele Autos ziert, die in Kindergärten und Schulen gezeichnet wurde, die selbst auf Plakaten mit ganz anderen Themen erscheint und den Genozid symbolisieren soll, geht ihr als schickes Designlabel nur noch auf die Nerven. Und die Plakate, die überall in der Stadt daran erinnern? Für A. nur eine riesige Geldverschwendung an ein zugegeben gutes Marketingbüro (meine Fotos zeigen es nicht richtig, aber sie sind wirklich gut!). Als habe das Land keine anderen Probleme, als sich selbst immer wieder zu erinnern. 

Jetzt wollte ich das neue Museum erst recht sehen. An das alte erinnere ich mich eigentlich positiv, trotz einer etwas heftigen christlichen Symbolik in der Architektur, fand ich die Bilder sehr eindrucksvoll. Wahrscheinlich war es gut, dass ich damals einen Teil der Schilder nicht lesen konnte. Jetzt sind sie auch Armenisch, Russisch und Englisch und handeln häufig von blutrünstigen Türken, der Osmanischen Kultur der Gewalt, von schönen Armenierinnen, die als Sexsklavinnen in Harems gehalten wurden, und armenischen Kindern die unter grauenhaftester Folter (Beschneidung!) zwangsweise zum Islam konvertiert wurden. Überhaupt vom Islam, der die Unterdrückung Ungläubiger mit brutalsten Mittel fordert. Das Verrückteste ist, dass diese Beschilderung in krassem Gegensatz zu den ausgestellten Dokumenten steht. Diese zeigen die Vielfalt armenischen Lebens im Osmanischen Reich: Da gibt es Bilder und Berichte von Überfällen auf armenische Dörfer ebenso wie das Leben wohlhabender armenischer Familien in den städtischen Zentren zwischen armenischem Musik- und Sportverein und Karriere in der Osmanischen Armee. Ich erfuhr, dass die erste türkische Oper von einem Armenier geschrieben wurde und wie eng die Handelskontakte waren. Man bekommt den Eindruck einer einerseits in sich geschlossenen religiösen und kulturellen Gemeinschaft, die ihre Eigenarten auch gegenüber einer manchmal feindseligen, oft auch gleichgültigen Mehrheit verteidigte, dabei gleichzeitig auch durchaus loyal zu dem Staat in dem sie lebte, stand. Ein Text erklärte im Verhältnis zu den anderen verblüffend sachlich, wie die Armenier im zerfallenden Osmanischen Reich und in den ersten desaströsen Niederlagen des Ersten Weltkriegs immer mehr zu politisch günstigen Sündenböcken wurden. Aber leider sind wir ein paar Sätze weiter schon wieder bei der offensichtlich natürlichen Grausamkeit der Osmanen.
Statistik zu den ermordeten Armeniern (1,5 mio) im Verhältnis zu
den heute lebenden (10 mio). Natürlich in Fes-Form. 
Ich merke, wie sehr ich von den Erzählgewohnheiten in deutschen Holocaust-Museen und -Literatur geprägt bin, wo die Zeit des assimilierten Judentums als Zeit des Zusammenlebens gezeigt wird und die Erzählung eher in Richtung geht, dass hier Deutsche ihre deutschen Nachbarn ermordet haben. Wo auch das "andere (so geringe!) Deutschland" gezeigt wird, in dem einzelne Mutige versucht haben, Juden zu retten. In Jerewan werden die wenigen Türken und vor allem die vielen Araber, die sich als Helfer und Retter durch die Biographie aller überlebenden Armenier ziehen, mit keinem Wort erwähnt. Es gab nur westliche, christliche Retter. Ich bin es gewohnt, dass der Holocaust zunehmend zum Symbol für etwas wird, was es um jeden Preis wieder zu verhindern gilt. Das nivelliert natürlich auch viel - vielleicht zu viel - deutsch-jüdische Geschichte. Die Erzählung im Genozid-Museum ist weit entfernt davon, den Genozid auch als Symbol der unglaublichen Grausamkeit, zu der Menschen allgemein fähig sind, darzustellen. Es ist eine zu tiefst persönliche Geschichte zwischen den Opfern und den Mördern und sie hat für nichts anderes Platz als Hass.
Die Forderung nach der Anerkennung des Genozids durch die Türkei wird übrigens im Musem nicht erhoben. Das verstärkt das Bild, dass es generell weder Dialog, noch Frieden oder gar Vergebung geben kann. 
Später sprach ich mit einer armenischen Journalistin, die darauf beharrte, Türken seien eben blutrünstig, das würden ihre türkischen Freunde selbst zugeben, und es gäbe ja auch keinen Grund, in dem Museum Wege zum Frieden aufzuzeigen, es würde ohnehin kein Türke sehen. Das stimmt natürlich. Sie räumte aber auch ein, dass die Sprache nicht gerade dialogfördernd sei. Und dann waren wir wieder an dem Punkt, dass Anerkennung natürlich die Rückgabe des armenischen Heimatlands sei, das ein gutes Drittel der heutigen Türkei umfasse. Dass sei der große Unterschied zum Holocaust: Juden hätten niemals das historische Recht gehabt in Deutschland zu leben, während Armenier natürlich ein Recht auf die Rückgabe aller im 10. Jahrhundert (?) verlorenen Gebiete habe. Türkenfrei, versteht sich. Ich wagte nicht, daran zu erinnern, dass sie gerade beklagt hatte, dass große Landstriche Armeniens durch Abwanderung aussterben würden. 
Natürlich steht es allen Opfern frei, die Täter so lange und so intensiv zu hassen, wie sie es wollen (und das meine ich ohne Ironie, vollkommen ernst) und es ist der Täter,der zuerst die Schuld anerkennen muss. Aber das Genozid-Museum in Jerewan zeigt auch, wie sehr der Hass nicht nur auf einer Seite jeder Zukunft im Weg steht.

"Siehste," sagt A. "Kommst du jetzt mit zum feministischen Graffiti Workshop?"

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