Busse und Boote

Busgesellschaften gibt es noch in Mengen (Busbahnhof Izmir)

Wenn es etwas gibt, was Deutschland unbedingt aus der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion übernehmen sollte, ist es das System der Minibusse, die in regelmäßigen Abständen auch in die entlegensten Dörfer (und wieder zurück!) fahren. Früher war es manchmal nervig, denn manche Fahrer nahmen den Begriff "dolmus" ("gefüllt") etwas zu wörtlich und man konnte manchmal am Busbahnhof lange warten, bis auch der letzte Platz besetzt war. Heute fahren viele Minibusse stündlich oder halbstündlich nach einem festen Plan und haben sogar Preise für verschiedene Fahrtabschnitte angeschlagen. Perfekt. Und nirgendwo kann man türkisches Kleinstadt und Dorfleben so gut beobachten wie an den Busbahnhöfen der jeweiligen Orte. Frauen mit vollen Einkaufstaschen und Kindern an der Hand oder auf dem Arm, Männer, die nichts zu tun zu haben scheinen und mit einem Tee in der Hand entweder vor sich hin starren oder sich lautstark mit dem anderen Nichtstuern unterhalten, Schulkinder, Bettler, irritierte Touristen. Seit ich altersmäßig unter "abla" (wörtl. "große Schwester") falle, kann ich das ganze noch entspannter beobachten wie in der Zeit, als ich noch Freiwild für die Nichtstuer war. Inzwischen wird mir sogar an Busbahnhöfen der Tee ohne Anzüglichkeiten serviert (und nein: Mein Kleidungsstil aus Jeans und T-Shirt ist derselbe geblieben!)
Das Anhalten von Dolmuslar (das müsste der korrekte Plural sein) an der Straße klappt nach dieser Formalisierung des Systems nicht mehr so gut, aber trotzdem: Ich würde mir eher überlegen, auch mal über die Mark Brandenburg zu schreiben, wenn man das System nach Deutschland importieren würde.


Eine andere Institution des Reisens in der Türkei aber scheint im Niedergang begriffen zu sein: Der große Überland-Busverkehr durch das ganze Land. Natürlich gibt es sie noch, die Izmir-Istanbul oder auch die Istanbul-Van-Busse, aber sie sind doch weniger geworden. Billigflieger kosten kaum mehr, manchmal sogar fast weniger als die Busse und versprechen schnelleres und bequemeres Ankommen. Entsprechend halten nun auch Überlandbusse in mehreren Städten und die meisten Reisenden fahren keine Strecken über vier Stunden mehr. Das verändert auch die modernen Karavansarayen, die früher jede Busgesellschaft entlang der großen Überlandstraßen betrieb. Orte, die zu jeder Tages- und Nachtzeit vor Leben geradezu vibrierten, wo man nachts um drei ein üppiges Mittagsessen und einen flutlichterhellten Kinderspielplatz, Toiletten, Duschen, Supermärkte und Zeitungskiosks mitten im Nirgendwo fand. Ich war meistens zu müde, um mich an dem Chaos zu beteiligen, trotzdem (oder gerade deswegen) bleibt eine Erinnerung an einen Ort mehr in Traum und Staunen als in der Realität.

Gute Nachrichten gibt es dagegen von den Istanbuler Schiffen: Nachdem im Sommer furchtbare geschlossene Schnellboote auf dem Bosporus aufgetaucht waren, waren die Wellen der Empörung - vielleicht auch des Bosporus - hochgeschlagen. Wer um Himmelswillen möchte fünf Minuten früher in Üsküdar sein, wenn er diese fünf Minuten im Seewind mit einem Tee in der Hand verbringen kann?! Die Bestellung weiterer Schnellboote und das Ende der typischen Fähren soll vorläufig gestoppt worden sein. Puh. Ich habe mich ja noch nicht mal vom Verschwinden meiner Lieblings-Kleinboote auf der Üsküdar-Kabatas-Strecke erholt.
Alt ...

und neu. 


PS: Die "Karavansansaray"auf dem Bild ist übrigens bei Susurluk, dem Ort wo 1995 ein Auto mit dem stellvertretenden Istanbuler Polizeipräsidenten und einem rechtsradikalen Mörder und Drogenhändler, der  Jahre zuvor aus dem Gefängnis ausgebrochen war, verunglückte - und genau da beschloss das GPS meines Smartphones für die nächsten Tage stehen zu bleiben. Smart, das Phone: Wenn ich mir die türkische Politik angucke, komme ich auch zu dem Schluss: Susurluk ist überall.

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