Virtueller Kieselstein

Am 29. und 30. September 1941, also heute und gestern vor 74 Jahren erschossen Deutsche - und ich mache bewusst keinen Unterschied zwischen SS und Wehrmacht - in Babyn Jar, der "Weiberschlucht" bei Kiew 33.000 Juden - Männer, Frauen und Kinder. Am 12. Oktober desselben Jahres folgten Massenerschießungen von insgesamt in Stanislau, dem heutigen Iwano-Frankiwsk. Hier wurden 10.000 Menschen auf dem jüdischen Friedhof der Stadt ermordet (oder "fanden den Tod" wie es gerne heißt. Klingt als hätten sie ihn kollektiv gesucht.) Nachdem die Erschießungen bei Einbruch der Dunkelheit abgebrochen wurden, wurden in den folgenden Monaten die Überlebenden in Vernichtungslager  deportiert. Von 40.000 Juden, die bei dem Einmarsch der Deutschen in der Stadt waren, darunter auch viele Flüchtlinge aus den angrenzenden Gebieten, hatten 1945 nur etwas hundert überlebt. Auf einem Großteil des Friedhofs, auf dem sich auch die Massengräber befanden, wurde später in der Sowjetunion der Stadtsee und das Naherholungsgebiet von Iwano-Frankiwsk angelegt. 
Es ist ungewohnt für mich, in einem Gebiet zu sein, das so mit der deutschen Geschichte verbunden ist. Normalerweise bin ich davon ja sehr weit entfernt. Allerdings scheine ich nicht die einzige zu sein, für die "das alles" doch sehr weit weg ist: Der deutsche Reiseführer, den ich dabei hatte (nicht selbst gekauft, das hätte mich noch mehr geärgert) überspringt die Jahre der deutschen Besatzung fast völlig. Er erwähnt lediglich an mehreren Stellen, dass 1945 das ganze Judentum mit seiner spezifischen ostjüdischen Kultur in der Ukraine praktisch ausgelöscht war. Ups, wie konnte das wohl geschehen? Kollegen, denen gegenüber ich die Geschichte Galiziens anspreche, wissen kaum, wovon ich rede. Sie finden es beruhigend, dass die Ukrainer das auch nicht mehr wichtig finden.
Dabei stimmt das nicht ganz: Mag sein, dass die große Wiederentdeckung der ostjüdischen Kultur in den 1990er Jahren ihren Höhepunkt hatte, aber inzwischen beschäftigen sich nicht nur deutsche Historiker und Holocaust-Touristen (nicht abwertend gemeint, aber es scheint Menschen zu geben, die KZs sammeln, ich habe mehrere davon getroffen) mit dem Thema, sondern auch ukrainische Historiker. Auch in Iwano-Frankiwsk sucht man die Massengräber, die nicht auf dem Seeboden verschwunden sind und konzipiert Stadtführungen zur jüdischen Stadtgeschichte - mit deutlich nationalem Unterton: Ukrainer und Juden haben immer friedlich zusammen gelebt, niemals gab es Feinseligkeiten. Pogrome bevor die Deutschen kamen? Niemals. Naja, vielleicht von Polen. Aber Ukrainer haben Juden gerettet. Es ist schwer, als Deutsche da zu diskutieren, aber für mich ist Galizien auch untrennbar verbunden mit den Pogromen des 19. Jahrhunderts, die immer wieder ganze jüdische Stetl auslöschten und die deutsch-jüdische wie auch die amerikanisch-jüdische Literatur prägten. Offensichtlich gibt es davon nichts auf Russisch oder Ukrainisch. Oder es wird nicht gelesen. 
Ich gestehe, dass ich es weder zu dem Denkmal in Babyn Jar noch zu dem in Iwano-Frankiwsk geschafft habe. Es ist nicht wirklich eine Entschuldigung, dass 
Dieser Artikel ist als virtueller Kiesel auf dem Grab von tausenden ukrainischer Juden zu verstehen und als kleiner Gedenkstein für eine große Kultur, die mit ihnen getötet wurde. 

Kommentare