In Erinnerung an über eine Millionen

Heute ein rein historischer Beitrag. Ein Tag, ein Beitrag ganz im Gedenken an die 1,5 Millionen Toten, die der Genozid (ja, ich verwende das umstrittene Wort) an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs gekostet hat. Am 24. April 1915 begann auf Befehl des damaligen Innenministers Talat Pascha die Deportation armenischer Intellektueller aus Istanbul (bzw. damals noch Konstantinopel). In den folgenden Jahren traf es fast die gesamte armenische Bevölkerung des Osmanischen Reiches. Auf Gewaltmärschen in die syrische Wüste getrieben, starben die meisten Hunger, Erschöpfung, Krankheiten. Mädchen und junge Frauen wurden aus den Zügen geraubt, vergewaltigt und an türkische Familien weiter verhandelt. Vernichtung durch Deportation.
Wie wohl bei allen Völkermorden wurden nicht nur die schuldig, die ihn begingen, sondern auch die, die ihn nicht verhinderten. In diesem Fall das Deutsche Reich, dem der trotz eindringlicher Berichte von Deutschen (u.a. des Orientalisten und Theologen Lepsius) die Verbündeten wichtiger waren als der Schutz einer Minderheit. 
Dass der Papst vor kurzem von einem Genozid an den Armeniern gesprochen hat, mag für manche eine Fußnote sein. Für viele Armenier ist es doch ein Zeichen, dass zumindest hundert Jahre zu spät andere Christen ihr Leiden anerkennen. (Welche Fehler und wessen Leiden, die wir heute übersehen, werden in hundert Jahren anerkannt werden? Ach nein, ich wollte heute ja keine Parallelen ziehen, keine Ablenkung von der Geschichte zulassen.)

Als ich vor einigen Wochen im Westen der Türkei, auf altem griechischen Boden, war, hörte ich auf einmal viele Kollegen, Freunde und zufällige Bekanntschaften von ihren griechischen (Ur-)Großeltern erzählen. Von griechischen Kinderliedern, die sie gesungen haben, und von Ostereiern und Weihnachtskuchen, die in muslimisch-atheistischen Häusern zum Jahreslauf gehörten, ohne dass man die Geschichte dahinter erwähnte. Vor zwanzig Jahren wären solche offenen Erzählungen, fast verbunden mit dem Stolz, einen multikulturellen Hintergrund zu haben, undenkbar gewesen. Heute beginnen langsam auch die ersten Erinnerungen an armenische Großeltern offen ausgesprochen zu werden. Langsam. Noch sind die Barrieren hoch und der Weg zu einer Anerkennung von Schuld weit - was mich immer wieder erstaunt, ist doch die Jungtürkische Herrschaft, die in erster Line verantwortlich für den Genozid war, auch sonst kein besonderer Referenzpunkt türkischer Geschichte.
Talaat Pascha wurde übrigens 1921, von Atatürk ins Exil gedrängt, in Berlin von einem jungen Armenier Soghomon Tehlirian erschossen, der die Todesmärsche überlebt hatte. Nach dem  er seine Geschichte und die seiner Familie vor Gericht erzählt hatte, wurde er freigesprochen. Deutschland entschuldigte sich an einem Armenier. Und spricht seit diesem Freitag auch öffentlich von Völkermord. Immerhin.

Währenddessen zeigt meine Facebook-Seite eine wilde Mischung an: Armenische Freunde posten alte Fotografien von Opfern zum Gedenken, Videos vom Konzert der kalifornisch-armenische Alternativ-Metal-Band System of a Down, die gestern in Yerevan zur Erinnerung an den Genozid spielte, und Aufrufe an die Türkei und Obama, endlich von Genozid zu sprechen. Armenier heute sind vielfältig.

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