Museumsdorf


Ich komme mal wieder zu gar nichts. Schon gar nicht zum Bloggen. Dabei ist das Dorf Şirince, in dem ich die letzten Tage (naja, genaugenommen eher die letzten Nächte, tagsüber waren wir ja permanent unterwegs) verbracht habe, einen Blogeintrag wert. Aber da ich es eben hauptsächlich im Dunkeln gesehen habe, gestaltete sich die Erforschung etwas schwierig. Gerade mal die Stunde vor dem Frühstück bot sich für Erkundungen an.
Alte Kirche. Sie ist nur auf dem Bild schief. Kurz
nach sieben am Morgen ist nicht meine Zeit.
Şirince ist ein altes griechisches Dorf, das vor dem Bevölkerungsaustausch 1922 ungefähr 2000 Einwohner hatte. "Bevölkerungsaustausch" ist - abgesehen vom schon erwähnten Feuer und Massaker in Izmir - nicht unbedingt ein Euphemismus, zumindest, wenn man davon absieht, dass jeder zwangsweise Verlust einer Heimat eine Katastrophe für die Betroffenen ist.  Ansonsten verlief die Ausweisung der Griechen aus der Türkei und der Türken aus Griechenland vergleichsweise friedlich und ganze Dörfer zogen gemeinsam in Dörfer, die von der jeweils anderem Bevölkerungsgruppe gerade geräumt worden waren. In Şirince zogen Türken aus der Gegend um Saloniki ein. Die griechische Geschichte des Ortes blieb nur in sofern erhalten, dass die neuen Bewohner von den alteingesessenen Bewohnern der Nachbardörfer nun gerne als "Griechen" bezeichnet wurden. Schließlich kamen sie als Türken aus Griechenland. In den letzten Jahrzehnten wurde nun die griechische Geschichte für den Tourismus wiederentdeckt. Ganze Busladungen werden selbst jetzt, in der Vorsaison, die kurvige Straße von Ephesos in die Berge gefahren, um durch die Gassen mit alten Steinhäusern zu schlendern und Wein und Filz einzukaufen. 
Ikonen und Fayencen in einem Restaurant
Die Restaurants und Hotels haben griechische Namen, fast der ganze Olymp ist vertreten. Die Kirche wurde gesäubert und restauriert, sogar Kerzen kann man kaufen und anzünden, allerdings gibt es kein Heiligenbild, vor dem man das tun könnte. Die hängen dafür in den schicken Boutiquehotels zwischen türkischen Fayencen und orientalistischen Haremsszenen an den Wänden. 
Der Kirchhof ist ein Cafe und Andenkenladen, wie überhaupt das ganze Dorf eher wie ein Museumsdorf wirkt. 2000 Griechen verließen es 1922. Ich habe keine Ahnung, wie die Bevölkerungsentwicklung dann war. Im Reiseführer meines Kollegen steht etwas von 690 Einwohnern. Er ist zwei Jahre alt (der Reiseführer, Himmel! Nicht mein Kollege!!). Auf dem Ortsschild stehen 526 Seelen (ich habe mich schon oft über die Genauigkeit dieser Angaben in der Türkei gefreut - rückt bei jeder Geburt und jedem Todesfall ein Beamter zur Veränderung aus?). Wenn ich abends über den Ort gucke, ist kaum irgendwo Licht. Viel Leben ist hier nicht mehr. Der Versuch, eines Abends noch einen Laden mit ein paar Keksen und Wasser zu finden, gestaltete sich schwierig.
Auch in Şirince: Bunte Treppen
Dafür entstand vor einigen Jahren neben Şirince das Mathedorf des Ali Nesin. In alten Häusern können nun sich nun internationale Mathematik- Enthusiasten treffen und die (mathematischen) Probleme der Welt lösen. Ich bezweifele, dass sie etwas am Aussterben Şirinces ändern können. 
Aber es gibt auch Hoffnung: Heute verließen wir abends die ausgetretenen Pfade unseres Stammlokals, das mit unserem Hotel verbunden ist und in das wir bisher immer geführt wurden (und uns führen ließen, weil wir für alles andere zu müde waren) und landeten in einem kleinen Lokal im Ortskern. So richtig glücklich machten wir die Wirte wohl nicht, hatte sich doch gerade die örtliche Frauengruppe hier zum gemütlichen Abend mit Tee, Sticken und Koranlektüre versammelt. Nicht ganz das, was wir als emanzipierte Abendunterhaltung bezeichnen würden, aber immerhin echte Einwohnerinnen! Die nicht Touristen bedienen (das überließen sie dann für diesen Abend den Männern), sondern einen eigenen Alltag haben. Dennoch verständlich, dass jungen Menschen anderes suchen. 

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