Galata gentrifiziert

Immer wenn ich aus Aserbaidschan nach Istanbul komme, stehe ich vor dem Problem, dass ich keinen Satz vollständig auf Russisch oder vollständig auf Türkisch sprechen kann. Immer wieder wechsele ich die Sprachen, verwende ein Wort in der einen, das nächste in der anderen Sprache. In Baku fällt das nicht weiter auf, die meisten sprechen ja auch nicht anders. In Istanbul fasste es mal eine liebenswürdige Bekannte mit den Worten zusammen „Du hörst Dich an wie eine Nutte vom Galataturm!“ So viel zur Ermutigung, mehr zu sprechen. Das Beunruhigendste an dieser Aussage ist aber, dass sie schon sehr alt sein muss. Längst ist Galata nicht mehr der heruntergekommene Rotlichtbezirk, in dem ich vor fünfzehn Jahren lebte und wo man (in diesem Fall tatsächlich eher: frau) besser nicht im Dunkeln nach hause kam. Eine der wenigen wirklich unangenehmen Erfahrungen meiner vielen Reisen fand direkt vor meiner Haustür statt und beinhaltete einen aufdringlichen jungen Mann, meine Mitbewohnerin, mich und eine wild geschwungene Laptoptasche - bis heute bin ich nicht sicher, ob ich mich ärgern oder doch beruhigt sein soll, dass ich ihn nicht getroffen habe.
Sehr dekorativ, die neuen Obstläden
Gestern bin ich mal wieder durch das alte Viertel gezogen. Statt löchrigem Asphalt dezentes Kopfsteinpflaster, das vermutlich extra traditionell aussehen soll. Alles ganz hübsch hier. Wenn man heute hier Russisch hört, sind es russische Touristinnen, die hier Geld ausgeben und nicht mehr verdienen. Von den alten Läden  von damals sind nur noch die Instrumentengeschäfte übrig geblieben.Für sie war die Gegend schon vor 15 Jahren (und länger) berühmt. Allerdings hat damals niemand versucht, mir eine pinke E-Gitarre zu verkaufen. Dafür wurden bei einem Wahlkampf die Lautsprecherwagen (gibt es die eigentlich noch?!) vor unserem Haus gestimmt. Ansonsten sind viele der alten Buch- und Briefmarken-Antiquariate verschwunden und durch Souvernirgeschäfte ersetzt worden. Statt dunklen Typen mit anzüglichen Sprüchen fragen nun alle paar Meter Typen, ob ich nicht mal ihren Shop besuchen möchte. Kein wesentlicher Gewinn. Mein alter Eckladen ist ein schickes Café. Wo kaufen die Bewohner jetzt ein? Oder gibt es gar keine Bewohner mehr, die billiges Obst und Gemüse zu schätzen wissen? Nur noch Touristen auf der Suche nach Granatapfel-Ingwer-Saft? Aber immerhin können jetzt auch Frauen in das Teehaus am Turm gehen, ohne schräg angesehen zu werden. Habe ich gleich ausgenutzt.
Das war mal mein Gemüseladen
Auch sonst ist mir schon bewusst, dass es vermutlich die beste Lösung zum Erhalt der Bausubstanz war und alles immer noch besser als das, was Baku mit seinen alten Vierteln macht.
 Ich bin einfach nur nostalgisch: Galata gentrifiziert, der Straßenstrich weggezogen, die billigen Frauen kommen längst nicht mehr aus der Ukraine, sondern aus Schwarzafrika oder den Flüchtlingslagern an der syrischen Grenze – nur ich höre mich immer noch so an wie damals. Ich sollte mir ernsthaft Gedanken über meine Sprachkompetenz machen.


Galata in Kurzfassung: aufgegebene Aygaz-Filiale neben Souvenir-
Geschäft. Man beachte dem Susani an der Hauswand.





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