Dorfalltag

Seit drei Tagen kaempfe ich mich wieder durch mein Lieblings-Irgendwann-Mal-Museum und passe mich ansonsten so weit wie moeglich dem Alltag eines aserbaidschanischen Dorfes an. Das heisst: viel arbeiten, viel essen, viel fernsehen (bzw. in meinem Fall: Viel schlafen). 
Hauptaufgabe diesmal ist es, die Scheune und den Weinkeller auf landwirtschaftliche Geraete und Objekte zur Weinproduktion durchzuarbeiten. Ich wuehle mich also durch Staub und Bauschutt, balanciere steile Treppen hoch und runter und versuche, schweres Geraet von anderem schweren Geraet wegzuzerren
Nach dem ersten Tag hatte ich darum gebeten, ein oder zwei starke Hilfen zu bekommen. Am naechsten Tag standen zwei schmale, zwanzigjaehrige Maedchen mit hochhackigen Schuhen, engen Roecken dicken Make-up und langen, sorgfaeltig manikuerten Fingernaegeln vor mir. Ich erklaerte ihnen das Problem. Sie ergriffen kichernd die Flucht. (Hmm. Doch nicht so bloed wie sie aussehen!) Ich schnauzte den alten Museumswaerter, der dafuer verantwortlich war, an. Er erklaerte, er sei ueber achtzig, koenne aber gerne helfen. Ein junger Mann ginge nicht. Schliesslich muesse man meinen Eltern meine Sicherheit garantieren. Ich verbiss mir den Kommentar zur offensichtlichen mangelnden Erziehung junger Aserbaidschaner, die offensichtlich Frauen sogar anfallen, wenn sie an jeder Stelle des Koerpers drei Lagen Kleidung gegen die Kaelte tragen und seit zwei Tagen ohne Duschmoeglichkeit durch den Staub kriechen. Ich erklaerte lediglich, meine Eltern waeren viel besorgter, wenn ich Weinfaesser schleppen wuerde. Man erklaerte mir, dass sei immer Frauenarbeit gewesen.
Ich gab frustriert auf und wollte ins Internetcafe, um mir meinen Frust von der Seele zu schreiben. man erklaerte mir, Frauen gingen nichts ins Internetcafe. Da wuerde geraucht. Frauen rauchen nicht. Ich verspuerte das erste Mal in meinem Leben das Beduerfnis zu rauchen. Frauen gehen auch nicht alleine spazieren - ausser zur Arbeit und davon gibt es fuer sie ja nun wieder genug. Deshalb verbringe ich ausserhalb der Arbeit gerade die meiste Zeit vor dem Fernseher und sehe aufgedonnerte Frauen in seeehhr kurzen Roecken und Schuhen tanzen, in denen ich nicht mal laufen koennte. Irgendwie beschleicht mich das Gefuehl, dass die aserbaidschanischen Frauen in der vielbeschworenen Ost-West-Verschmelzung gerade das Schlechteste beider Welten abbekommen haben.
Uebrigens durfte ich nur ins Internet Cafe, weil ich erklaerte, ich muesse meiner Mutter und Freundinnen zum Internationalen Frauentag gratulieren. Also: Alles Gute zum Internationalen Frauentag! Seid dankbar fuer das Erkaempfte!

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