Neues vom Groessenwahn

Was man so Jugendzentrum nennt
Dieser Blogeintrag entsteht - hoffentlich! - in einem Jugendzentrum in einer aserbaidschanischen Kleinstadt. Wer bei "Jugendzentrum" jetzt an ein etwas versifftes altes Haus mit Sperrmuellmoebeln, beschmierten Waenden und alten Computern denkt, liegt falsch. Das hier ist eher die moderne Version des sowjetischen "Palast der Pioniere". Nur nicht so funktional. Ehrlich gesagt, es ist komplett unpraktisch. Riesige Hallen mit glitzernden Boeden und Kronleuchtern, beige Kunstledersessel und Sofagarnituren, Bildern den ehemaligen und jetzigen Praesident sowie riesigen Oelgemaelden von Landschaften, zu denen der normale Aserbaidschaner keinen Zugang hat, weil sie mittlerweise Privatbesitz der Praesidentenfamilie sind. 
 
Sorry. Die Tür haben wir ruiniert.

Zur Benutzung ist das ganze nicht gedacht. Schon beim Dritten, der darüberläuft, wellt sich der Fußboden und die Tür klemmt so, dass man sich mit ganzem Gewicht dagegen werfen muss. Geschlossen werden musste sie aber, um das bisschen Wärme eines Heizstrahlers im Raum zu behalten. Prompt fiel nach dem dritten Besucher das goldglänzende Panel ab. Computer mit Flatscreen, aber eine Internetverbindung, die mich in den Wahnsinn treibt. Ebenso in den Wahnsinn treibt mich, dass ich hier auf jeden Schritt ueberwacht werde. Mein geplanter Workshop zu digiatler Inventarisierung wird nach aktuellem Stand von fuenf Museumsfachleuten, vier Offiziellen, die Einfuehrungsworte sprechen wollen, und drei Leuten, von denen ich keine Ahnung habe, was sie eigentlich wollen, besucht. Dabei wird es sogar mir schwer fallen, in ein solches Thema politische Kommentare einzubringen. Auch wenn der Ort dazu verlockt. Es ist schon gruselig: Der Oelpreis faellt, der Manat auch, die Menschen sind in Panik wegen der erwarteten Inflation, und der Staat steckt Milliarden in den Bau von Haydar-Aliyev-Zentren und in Infrastruktur fuer die "Ersten Europaeischen Spiele" - eine Ersatzhandlung, weil es mit der Olympiade nicht geklappt hat. Dafuer entsteht ein Stadion mit ueber 60.000 Plaetzen, ein "Olympisches Dorf" mit fast 4000 Zimmern. Angeblich (sehr wahrscheinlich) hat man mal wieder die Lehrergehaelter deswegen gekuerzt und (Klein-)Unternehmer zu kostenloser Arbeit verpflichtet. 
 
Triumphbogen für den großen Führer

Gestern hatte ich zwei Stunden Pause und bin durch den Haydar-Aliyev-Park in Ganca gelaufen. Ich hatte ihn schon vor anderthalb Jahren vom Bus zur georgischen Grenze hin gesehen und hatte die naive Vorstellng, es handele sich um die ebenfalls angekuendigte Umgestaltung des Nizami-Mausoleums, um den grossen Sohn der Stadt zu ehren. Aber nein, natuerlich handelt es sich eher um den grossen Vater des Landes. Ein gigantischer Triuphbogen, ein noch groesserer Palast, ein kuenstlicher See - alles, was man so braucht. Nur kein Schatten, was ich mir im Sommer schon etwas schwierig vorstelle. Auch zeigen sich ueberall die Probleme des zu schnellen Bauens - die Platten auf den Wegen sind jetzt schon uneben und ein Erdrutsch hat gleich mehrere Treppen ruiniert. Hoffentlich ueberlebt das Stadion in Baku die Eroeffnungszeremonie der Spiele.

Freilufttheater. Im Hintergrund die sowjetischen Wohnblocks von Ganca.

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