Untergegangene Stadt

Heute erinnere ich mal an eine Stadt, die es ebenso wenig mehr gibt wie das legendäre Baku der Sowjetzeit. Jene Stadt, in der in allen Richtungen Osten war. (Ja, meine lieben amerikanischen Freunde, in meiner Kindheit ging die Sonne im Osten unter - schließlich versank sie an Sommerabenden eindeutig über der Havel und Sakrow und das war ganz definitiv Osten!) Jene Stadt, deren Einwohner alle westlichen Konsumgüter - einschließlich Bananen - hatten, aber nicht das Recht, den Bundestag zu wählen, dafür auch nicht zur Bundeswehr mussten, damals, als es noch die Wehrpflicht gab. Deren Einwohnern die ganze Welt offen stand, aber nicht die nähere Umgebung, und deren Kinder Urlaub und Grenzkontrollen untrennbar miteinander verbanden - auch weil es ganze drei Fluggesellschaften gab, die auf dem heute als viel zu klein empfundenen Flughafen landen durften. An eine Zeit, als die Museumsinseln in einem fremden Land lag, die Dahlemer Museen aber für die tapferen Frontstadtbewohner kostenlos. 

Als Kind dieser Stadt empfinde ich tatsächlich immer noch eine alltägliche Freude, dass ich an einer Uni angestellt bin, die (wie eben auch die Museumsinsel) einmal in einem fremden Land lag und dass ich jeden Tag die alte Grenze überquere - Ja, ich bin Westberlinerin und ich verlasse mein Kiez nur, um im im Kaukasus zu leben. (Auch so ein Privileg, das ich den Ereignissen der Jahre 1989-1991 verdanke!) 
Lichtgrenze am Reichstag, tagsüber
Anfang letzter Woche war auf einmal der Weg versperrt. Fluchend musste ich feststellen, dass die doch tatsächlich im Rahmen der Vorbereitungen der 25 Jahrfeier des Mauerfalls diese erstmal wieder aufgebaut hatten. Großveranstaltungen am Brandenburger Tor nehme ich wegen dieser dämlichen Aufbauten grundsätzlich persönlich, aber diesmal übertrieben sie echt. Zum Glück schälten sich dann doch die Einzelballons der Lichtergrenze aus dem abgesperrten Gebiet und das ganze wurde wieder passierbar. Kleinkram im Vergleich zu alten Zeiten, aber doch mal wieder ein kurzer Moment des Was-wäre-wenn- damals-nicht-Gedankens.
Die Kunstaktion mit den nachts leuchtenden Ballons, die dann heute Abend gemeinsam aufstiegen, rief zumindest in der Innenstadt den Mauerverlauf eindrucksvoll ins Gedächtnis. Einen Weg, den man öfter gehen sollte, schon um sich die immensen Veränderungen der Stadt immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.


Lichtgrenze im Regierungsviertel, nachts

Entlang der Grenze in Kreuzberg

Ob ich die Lichtgrenze gelungen oder doch etwas zu pathetisch finde, weiß ich nicht. Sicher ist, dass ich die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit genial finde: Die vernachlässigten Kreuze der Maueropfer am Spreeufer zu klauen und dahin zu bringen, wo heute Menschen zu tausenden sterben, um das gelobte Land zu erreichen, an die EU-Außengrenzen, ist ein perfektes Symbol. Und wenn nun Angehörige (?) die leeren Kreuze mit Papier füllen, um ihre Toten wieder ins Gedächtnis zu rufen, ist es auch ein wesentlich stärkeres Zeichen der Erinnerung als bei den Kreuzen, deren Verschwinden auch erstmal niemandem auffiel.

Kreuze leer und mit Ersatz

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