Ich höre Istanbul...

...mit geschlossenen Augen;
Eben weht sachte der Wind; 
Es rühren sich leise und lind
An den Bäumen die Blätter.
Fern, ganz in der Ferne
Die niemals ruhenden Glöckchen der Wasserträger;
Ich hör Istanbul, mit geschlossenen Augen;


So beginnt ein Gedicht von Orhan Veli (ich glaube, übersetzt von Annemarie Schimmel) Deutlich weniger poetisch hat die Klänge Istanbuls Werner Schmidbauer in seinem Istanbul-Lied und Video zusammengefasst, das diesen Sommer bei meiner Freundin ständig lief (ich wars nicht! Ich bin Preußin! Trotzdem: https://www.youtube.com/watch?v=9xzVq2Bf6FA)
Eine gute Gelegenheit, um selbst mal genauer hinzuhören, wie Istanbul für mich klingt. Fast als erstes fallen mir all die Dinge auf, die früher für mich dazu gehörten und die ich nun nicht mehr höre: Das Klingeln der Gaswagen, bei denen jede Firma ihren eigenen, typischen Klingelton und Ruf hatte. Die Nachfahren von Orhan Velis Wasserträgern und ihren Glocken sind mit dem fast vollständigen Anschluss der Innenstadtviertel an die Fernwärme zum Heizen und fürs Warmwasser verschwunden. Wie auch das Rufen der der jungen Schaffner an die Bushaltestellen, die das Fahrtziel und wichtige Stationen am Weg ausriefen (liegt es an der sinkenden Zahl der Analphabeten, dass dieser Dienst nicht mehr nötig ist?). Selbst die fliegenden Händler und die Schrotteinkäufer, die früher ihr Angebot die Hausfassaden hoch schrien, scheinen seltener geworden zu sein. "Istanbul ist leiser geworden" findet auch meine Freundin, die die letzten fünfzehn Jahre hier verbracht hat, und beruhigt mich, dass ich mich nicht irre. 
(Apropos, auch wenn es nicht zu den Stadt- sondern eher zu den Wohnungsgeräuschen gehörte: Was ist eigentlich auch den wunderbaren Vogelklingeln geworden, die als Wohnungsklingeln in den 1990er Jahren fast überall die Gäste ankündigten und die sich anhörten wie Kanarienvögel auf Ecstasy? Auch das ein verschwundenes, unendlich vertrautes Geräusch.)
Was ist noch da? Der Muezzin, natürlich. Aber auch das Läuten der Glocken von den Kirchen in Kurtuluş. Die Möwen, die auch Orhan Veli hörte. Schwalben, seltener. Ab und zu eine Katze. Das Klingeln der Löffel in den Teegläsern. Das Klappern der Würfel und Tavla-Steine auf einem Brett. Der beständige Verkehrslärm, der das Rauschen der Blätter in den wenigen Bäumen meistens verdeckt. Das ebenso beständige Schlagen der Wellen an die Betonbefestigungen des Bosporus. Den Wind fühle, schmecke ich mehr, als dass ich ihn höre. 
Was ist neu? Handyklingeln. Überhaupt die Zahl der Menschen, die irgendwo in ein Telefon schreien, um den Rest der Stadtgeräusche zu übertönen. Ach ja: falls jemand weiß, ob man sich den "Kanarienvogel auf Ecstasy"-Ton irgendwo als Handyton runterladen kann, bitte melden. Will ich haben!

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