Erste Schritte

Den Post habe ich schon vor zwei Wochen angekündigt, bin aber nie dazugekommen ihn zu schreiben. Jetzt aber.
Seit sich im Januar diesen Jahres der erste, wichtigste (und vielleicht in seiner Art auch der einzige) Kämpfer für Schwulen-, Lesben und Transsexuellenrechte in Aserbaidschan das Leben nahm, hat sich zumindest im Internet eine kleine, aktive Gruppe von LGBT in Aserbaidschan etabliert. Immer wieder finden sich Nachrichten von ihnen auf Facebook: mutmachende Nachrichten über neue Rechte für LGBT weltweit, weniger mutmachende über die Situation in Aserbaidschan, Cartoons und Sprüche. Ohne viel Hoffnung auf Antwort schrieb ich eine kurze Nachricht, dass ich gerne mehr über die Leute dahinter und die Situation von LGBT in Aserbaidschan wissen wollte. Zu meiner Verblüffung bekam ich schnell und begeistert Antwort und traf mich mit einer jungen Frau, nennen wir sie Gül (es war eine andere Blume, aber mit Namen sind alle ein bisschen vorsichtig) zu einem Spaziergang und einem Kaffee. Es schien, als hätte sie viel loszuwerden: Von der schönen Zeit letzten Herbst, als es mit Isas endlich so aussah, als könne der Kampf um die Anerkennung von LGBT-Rechten in Aserbaidschan endlich beginnen, von der eigenen Erkenntnis, dass es auch in Aserbaidschan schon immer homosexuelle Paare gegeben habe und dem Versuch, dies auch anderen zu vermitteln, von Isas Tod und den Schuldgefühlen, die sie immer noch begleiten, weil sie in der entscheidenden Zeit mehr an ihre Arbeit als an seine Probleme gedacht habe. Immer wieder auch das Schwanken zwischen Frust und Verständnis für die Freunde, die lieber ein halbwegs geschütztes Leben führen als zum Beispiel an den Workshops teilzunehmen, die sie mit Hilfe einer ausländischen NGO organisiert hat. Die Angst, um die, die sich zu weit vorwagen wie Isa und ein anderer Freund, der sogar die Verlobung mit seinem Partner über alle sozialen Netzwerke streute und damit die Beziehung zerstörte, weil der andere Angst bekam, und die Wut über die, die das Internet nie verlassen. Ein schwierige Balance, in der hier wohl alle leben, die anders sind. Obwohl es ein zögerndes "wir" zu geben scheint, andere, die zur Gruppe um Isa gehörten, so scheint Gül letztendlich mit ihrem Versuch, seinen Beginn weiterzutreiben, mit ihrer Wut und ihren Zweifeln doch sehr allein zu sein.
Über sich selbst bleibt sie dann doch lieber unklar: ja, sie hat Isa kennengelernt, weil er schwul war. Sie selbst? Nun, man muss nicht gay sein, um sich für LGBT-Rechte einzusetzen. Ihre Eltern sind sehr aufgeschlossen, aber nein, sie würde nicht den Fehler machen wie Isa, von ihnen Akzeptanz für sich und ihren Kampf zu verlangen. Besser schweigen.
Ich gebe zu, dass es nach den ganzen Erfahrungen mit offiziellen Stellen sehr erfrischend war, dass sich jemand in Aserbaidschan freute, dass sich jemand aus einem anderen Land für sie interessiert und das nicht  nur als Beleidigung auffasst. Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, im Kontakt zu bleiben und Gül verspricht, mich das nächste Mal in die einzige Bakuer gay-Bar mitzunehmen. Ein Programmpunkt für den nächsten Aufenthalt. 

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